Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 372 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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372 Höhle Heimkehle Chaos der Dingo ausgestalten und entfalten, soll auch immer wieder von neuem beginnen, an alle Kreise seines Einflusses und Wirkens stets von neuem den Hebel ansetzen, um zu weitester Vervollkommnung zu gelangen. Die letzten Worte des Schöpfungsberichtes ״ אשר ברא אלק, לעשותGott erschafft zur Weiterausgestaltung“ sind das Leitwort, das den Mensehen, den Neugeschaffenen, nach der Ruhe des Sabbath in die Tätigkeit der Woche hineinleitet. Und was wir in der Heimkehle an wunderbaren Bildungen der Tiefe heute gesehen, ist ja auch hier nur eine Ausgestaltung der Schöpfung, daß immer neu und neu Gott an seiner Schöpfung weitergestaltet und weiterschafft. ״Mit diesen letzten Worten haben Sie eine Frage berührt, die mich schon unten inmitten der Eindrücke der Höhlen- Wanderung ein wenig bedrückt hat: Können wir wirklich hier von bewußten Gestaltungen und Bildungen reden, sind es nicht des Zufalls grausige Wunder, die sich uns darbieten? Hat etwa der Wirbel des Wassers oder die Blasen des Dampfes hier Formen gestalten wollen, die einen ״Dom“ oder eine ״Bergschmiede“ darstellen können? Ich weiß, daß Kant, als er die Gottesbeweise kritisiert, auch bestritt, daß wir aus der zweckmäßigen Gestaltung der Natur auf einen Bildner derselben schließen können, denn er sagt: der Zweckmäßigkeitsgedanke ist von uns hineingetragen, er liegt nicht in den Dingen, er liegt im Betrachter. Eigentlich hat mich das nie überzeugen können. Die ganze organische Welt baut sich m. E. auf einer objektiven Zweckmäßigkeit auf. Aber hier unten in der Höhle, da schien es mir wirklich mit einem Male klar zu werden, daß wir dort Zweckmäßigkeit sehen, wo nur der Zufall gewaltet haben kann, die Maßlosigkeit der freien Töchter der Natur. Und Schiller hat Unrecht, wenn er meint, wo wilde Kräfte sinnsos walten, könne sich kein Gebild gestalten. Dies Gebild der Höhle haben sie dennoch gewirkt. Aber ihm verleiht nur unsere Phantasie Zweckmäßigkeit und Schönheit. Könnte uns das nicht warnen, nicht etwas in die Natur hineinzutragen, was garnicht in ihr ist?“