Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 338 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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338 Moses Mendelssohn und das thoratreue Judentum Leben im Judentum ist bei ihm viel, viel weniger als bei Maimonides zu finden. Vielleicht nicht das Geringste. Die Behauptung von der Dogmenlosigkeit des Judentums in seinem Jerusalem ist falsch, sie stört aber den Gläubigen nicht, da sie mehr als wett gemacht wird durch die Betonung der Verbindlichkeit des Gesetzes und durch die Unterstreichung des Offenbarungscharakters der jüdischen Religion. Seine Ein- Leitung in die Pentareuäiüberseizung weicht in keinem Punkte von der strengsten Auffassung über Alter und Beschaffenheit der heiligen Schrift ab. Aber wiederum: so paradox es klingt, dies Glattaufgehen, dies Fehlen von Zusammenstößen ist uns — man kann derartige Dinge nicht beweisen, sondern nur als wahrscheinliche Vermutungen aussprechen — nur ein fernerer Grund zu der Annahme, daß es bei Mendelssohn an Eruptionen des religiösen Gefühlslebens fehlt, daß es darum bei ihm nur zu einem Nebeneinander von תורה עם דרך ארץ nicht zu einem Ineinander kommt. Und weil Mendelssohn von diesem Gefühl für das Jüdische zu wenig eigen war, darum bleibt er bei allen großen Verdiensten, die er sich um das Judentum erworben, bei aller Verehrung, die wir ihm zollen müssen, um der Reinheit seiner Gesinnung willen und der Lauterkeit seines Charakters, für das thoratreue Judentum eine ephemere Erscheinung. Für das thoratreue Judentum, soweit es von der Idee beherrscht ist, daß die Religion und im besonderen unsere Religion im Mittelpunkt des Denkens und Fuhlens stehen muß,;auch das profane Leben in allen seinen Betätigungen mit ihrem Inhalt zu erfüllen hat. Anders für die thoratreue Juden heit; sie ist ein Teil der Gesamtjudenheit und mit dieser interessiert an der Freiheit des Menschen, an der Befreiung vom schändenden Drucke, mit dem die Versagung der Menschenrechte Leib und Seele verkümmern ließen. Für die Erringung der Emanzipation, die ein Gut an sich ist, hat freilieh AVoses Mendelssohn unsterbliche Verdienste. Sie liegen, nicht in der positiven Arbeit für sein Volk, er hat für sein. Volk nicht gelitten und gekämpft. Doch er hat in zäher Arbeit