Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 337 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Moses Mendelssohn und das thoratreue Judentum 337 nicht an eine Arbeit, die einem innerlich fremd ist und überflüssig erscheint. Der Januskopf, den uns Maimonides in seinem jad Hachsaka und seinem More zeigt, wenn wir dies von den Reformern beliebte Bild aufgreifen sollen, will doch etwas tiefer erklärt werden. Im Urgrund des Unterbewußten, da war Glauben und Denken eins und jene Urkraft entband mit der gleichen Wucht die beiden scheinbar einander widerstrebenden Werke. Wäre Maimonides ausschließlich Rationalist gewesen und mochte er der Ratio mit noch so großer Liebe sich verschrieben haben, er hätte nicht die Hingabe aufgebracht, jenen aus unendlich vielen minutiösen Untersuchungen sich aufbauenden Gesetzeskodex zu schaffen. Nur das Feuer des Glaubens an die Heiligkeit und Unverbrüchlichkeit des offenbarten Gesetzes vermochte die Liebe zu wecken, der allein die Vollendung jenes Monumentalwerkes zu danken ist. Die Verbindung mag ein Rätsel sein, sie ist es nur für den, dem eine jede Menschenseele glatt nach einer einzigen Formel aufgehen soll. So paradox es klingt, auch Maimonides hatte etwas von einem Mystiker an sich, auch in ihm wirkte sich, vielleicht ihm unbewußt, ein gut Stück Irrationales aus. Es ist nun einmal so, daß Ratio und Mystik vereint, erst den Juden zu einem Ganzen machen. Die Mystik braucht durchaus nicht in den Gedanken und in der Sprache der Kabbala uns entgegenzutreten. Jeder von Gefühl durchdrungene Glaube ist Mystik. Wir haben von Mendelssohn im Anfang unserer Ausführungen Aeußerungen gebracht, die uns die Annahme nahelegen, daß ihm dies Gefühl für das Jüdische zu wenig eigen war. Wir haben es aus der Art, wie er den Sabbat verbrachte, aus dem Charakter der Freundschaften, die ihn mit den Verächtern und Zerstörern alles ursprünglich Jüdisehen verband, geschlossen, daß das Feuer religiöser Hingabe an die Heiligkeit des überlieferten Gutes nicht mit der Glut in ihm brannte, wie wir es von denen annehmen, die die großen geistigen Führer unseres Volkes in der Golah gewesen. Merkwürdig! Widersprechendes in der Anschauung über Lehre und 2