Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 331 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Moses Mendelssohn und das thoratreue Judentum 331 die Kraft abgerungen, sich die europäische Bildung seiner Zeit anzueignen, ist bekannt. Er besaß aber nicht die Tatkraft, die nach außen zu wirken befähigt. Wie sein erstes öffentliches Hinaustreten als Schriftsteller ihm bekanntlich von Lessing abgerungen wurde, so ist fast alles, was er als Jude der Mitweit gab — mit Ausnahme jener UeberSetzung der ,,Rettung Israels“ und der Vorrede — Abwehrtätigkeit gegen Angriffe, die er erfuhr. Ohne Lavaters offenen Brief hätten wir nicht seine Antwort und seinen ״Jerusalem“. Aber die Passivität Mendelssohns scheint noch in viel tiefer liegenden Motiven zu wurzeln. Die Erfüllung der Mizwoth war bei aller Peinlichkeit, mit der er sie beobachtete, nicht von der Glut des Empfindens begleitet, mit der er an der Bildung seiner Zeit hing. Der שבת war ausschließlich dem Verkehr mit seinen christlichen Freunden gewidmet — weil er da ״frei von Geschäften war“. ״Wenn sie wüßten, daß wir acht Feiertage gehabt haben“, schreibt er an Lessing, ״in welchen man, wie Sie wissen, zu nichts anderem Lust hat, als verdrießlich zu sein“.5 Kayserling bringt in seiner Mendelssohnbiograpnie6 als besonderen Kiddusch Haschern die Erzählung des späteren Schulrats in Braunschweig, J. H. Campe: Es war an einem Freitag Nachmittag als wir, meine Frau und ich, mit zwei Berliner Gelehrten bei Mendelssohn zum Besuche waren und mit Kaffee bewirtet wurden. Mendelssohn, immer der freundliche Gesellschafter, stand etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang von seinem Sitze auf, trat auf uns zu mit den Worten: ״Meine Damen und Herren! Ich gehe nun in das Nebenzimmer, um meinen Sabbath zu empfangen und bin dann gleich wieder in Ihrer Mitte; unterdes wird meine Frau Ihre Gegenwart umsomehr genießen“. Mit einem un- 5 Ges. Sehr. V S. 81. Die Entschuldigung Kagserlings in seiner Mendelssohnbiographie S. 119 daß er sich als Unverheirateter einsam fühlte im Gegensatz zu den frohen Gesichtern seiner Umgebung, ist doch sehr gesucht. 6 S. 422.