Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 327 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Moses Mendelssohn und das thoratreue Judentum 327 Aber zu denken gibt es, daß er sich nicht innerlich mit den unzähligen Schwierigkeiten auseinandergesetzt, die, wie erwähnt, mehr als ein Jahrhundert hindurch die Stürmer in der Zeit der Aufklärung gegen die Bibel gehäuft, und daß er nicht das Bedürfnis empfunden, auch seinerseits ״Glauben und Wissen“ miteinander zu vereinen und dem Judentum gleich Maimonides eine Stütze zu geben. Und wenn die Zeit auch über die Sturm- und Drangperiode der Aufklärung hinweggekommen war, so konnten ihm die Gedanken des ״Fragmentisten“, auf das Judentum angewandt, niemals fremd geblieben sein. Zwei Gründe machen es erklärbar, ein äußerer und ein innerer. Der innere die tiefe, unerschütterliche, ja geradezu Propheten- und Psalmengläubigkeit hinsichtlich der Wahrheiten ״der natürlichen Religion“, wie sie gerade den Deisten eigentümlich war, der Glaube an einen persönlichen Gott, an eine Vorsehung, Lohn und Strafe im Diesseits und Jenseits. Wir haben heutzutage, in der Zeit des Schwankens und der Zerrissenheit, in der Zeit der von des Gedankens Blässe angekränkelten theologischen Systeme, des unter hochtönender philosophischer Terminologie sich verbergenden Kompromißlertums keine Ahnung davon, wie tief die Ueberzeugung von der durch die untrügliche Vernunft gegebenen ewigen Wahrheiten, d. h. Lehren von Gott und dem Menschen nicht nur im Kopfe, sondern auch im Herzen jener Gebildeten wurzelte. Diese Gläubigkeit absorbierte jedes Interesse. Der Deismus wurde freilich damit zum Feind des Theismus, der Spezialwahrheiten der geschichtlichen Offenbarungsreligionen. Bei Mendelssohn haben wir die an sich seltsam anrnutende Verbindung zwischen Deismus und Theismus. Wenn es gestattet ist, den seelischen Vorgängen, die bei der Festlegung der religiösen Ueberzeugungen sich im Innern eines Menschen abspielen, nachzugehen, so möchten wir sagen, daß für Mendelssohn die gläubige Annähme seiner Geschichtswahrheiten ein Postulat war. Denn die Sache hat es längst gegeben, bevor Kant das Wort prägte. Es wiederholt sich bei Mendelssohn, was Maimonides in einem