Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 303 (sequence 85)
- Language
- German
- Belongs to
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Krisis der Psychoanalyse 303 zu denselben Resultaten auf andrem Wege gelangt, s. Jeschurun, Band XV, Heft 11/12, S. 586). Auch findet die Freud’sche Parallelisierung des Seelenlebens der Neurotiker mit dem der Primitiven (eine Hauptsäule in Freuds ,,Totem und Tabu“) und die Erklärung ihrer Religionsformen aus inzestuösen und zwangsneurotischen Trieben und Vatermordgedanken scharfe Ablehnung.2) Prof. Thurnwald gelangt zu dem Schluß: ,,Primitive sind nicht Neurotiker, Neurotiker nicht Primitive, trotz gewisser äußerlicher Äehnlichkeiten im Verhalten hier und da“. Damit fallen die allzu auslegungsfreudigen Hypothesen der Freudschüler (Rank, Reik, Abraham, L. Levy u. a.) und deren Anwendung der Psychoanalyse auf die Erforschung religionswissenschaftlicher Probleme, insbesondere auf das jüdisehe Neujahrs-u. Versöhnungstag s-R i t u a 1, als Luftgebilde in sich zusammen, da diese Hypothese sich hauptsächlich auf die von Freud als ,,erwiesene historische Tatsache“ (in der ,,Zukunft einer Illusion“) augegebene Oedipustat stützen. (Vgl. auch meine Aufsätze Jeschurun VIII, Heft 1—4; und ebendort Prof. König: Die modernste Deutung des bibl. Sündenfalls ib. Heft 9/10). In diesem Zusammenhang ist such die Abhandlung: ,,Kunstwissenschaft und Psychoanalyse“ von Eckart v. Sydow (p. 153) für uns bemerkenswert. Der Gelehrte setzt sich mit der von Th. Reik über die Entstehung der Musik vorgetragenen Theorie und seiner Erklärung des jüdischen ״Schofar“ auseinander: Nach Th. Reik sei die Stimme des Schofars zugleich die Stimme des (von seinen Kindern ermordeten) Vatergottes, den sie in ״nachträglichem Gehorsam“ als Widder anbeteten, die Schofarstimme sei Gottes (—Widder-) Stimme, und das Instrument erwecke die Erinnerung an die von Freud 2) Äehnliche Bedenken gegen die Verabsolutierung und Verallgemeinerung von Urinstinkten als Urtriebe zur Religionsbildung hatte ich schon in früheren Aufsätzen dieser Zeitschrift gegen die Freudschule geäußert; vgl. auch meinen letzten Artikel: Hat die Psychoanalyse Konsequenzen für die jüdische Religion? (Frankfurter Israelit. Gemeindeblatt, Äprilnummer 1929).