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Jeschurun · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 302

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Date
1929-05-01
Page
Seite 302 (sequence 84)
Language
German
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302 Krisis dar Psychoanalyse ten Menschen.“ Ist dieser Spott auch sehr scharf, so ist er doch nicht unverdient. Es geht nicht an, heute noch nach dem Muster Nietzsche’scher Paradoxismen mit vornehmem Achselzucken das jüdisch-christliche Sittlichkeitsphänomen als eine Entartung ursprünglich reinen Menschentums abzutun. Immerhin sind die Kulturleistungen des jüdischen und in gewissem Abstand des christlich-nazarenischen Lebensideals ungeheure. Das jüdisch-christliche Religionsideal hat immerhin moralische Größen wie die jüdischen Propheten von Moses bis Jesaja- Jeremija, Micha-Ämos, und die späteren Chassidim hervorgebracht, es hat seine aufbauende Kraft in der Schaffung der erhabensten Baukunst, der Gotik, erwiesen, es hat seinen erhabensten dichterischen Ausdruck im Genius eines Dante und Mil ton gefunden — positive Großleistungen und Tatsachen, die auf eine weltgeschichtliche Mission Israels und seiner Tochter, des Christentums, schließen lassen und die von keinem in skeptischem Intellektualismus und Persönlichkeitskult Schwelgenden bestritten werden können. Die jüdisch-christliche Ethik hat in Jahrtausenden ihre Lebenskraft bereits erwiesen, die dionysischappollinische moralfreie Aristokraten-Ethik Nietzsches soll sie erst erweisen. Wo die stärkere Gattung Mensch gezüchtet wurde und wird, ob unter den Moralisten jüdischchristlicher Prägung, ob unter den Immoralisten und Ich- Willens-Anbetern von Nietzsche״-, Klages’scher Observanz — hier die Entscheidung zu treffen, dürfte heute nicht schwer fallen. Für den Leserkreis dieser Zeitschrift wird in erster Reihe der Aufsatz: ״Ethnologie und Psychoanalyse“ von dem Berliner Professor R. Thurnwald in Frage kommen, in welchem mit gewichtigen "völkerkundlichen Gründen gegen das Freud’sche Dogma vom O Ödipuskomplex, von U rhör de und Vat ermord als Urquelle und Erstursache der Entstehung aller Religionen Sturm gelaufen wird, (vgl. auch im selben Werk den Aufsatz von Prof. C. Clemen, Bonn: Mythologie, Religionsgeschichte und Psychoanalyse, der

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