Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 300 (sequence 82)
- Language
- German
- Belongs to
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300 Krisis der Psychoanalyse Standpunkt vertritt oder etwa die neue Lehre mit einem überlegenen begönnernden Tone bespricht. Nirgends ist, wo ein Mitarbeiter über den praktischen Wert und die Anwendbarkeit der Psychoanalyse zu einem negativen Urteil kommt oder ein non liquet ausspricht, der Blick für eine später mögliche Verwendbarkeit versperrt, überall ist die Psychoanalyse als Wissenschaft gewertet und als eine der größten Anrege rinnen unserer und aller Zeiten anerkannt. Es wäre vergebliches Bemühen, auch nur einen annähernden Begriff von der umfassenden Vielseitigkeit und Reichhaltigkeit dieses Sammelwerks hier zu geben; es wäre zwecklos, auch nur die Inhaltsübersicht hier abzudrucken. In aller Bescheidenheit sei vorweg gesagt, daß nicht alle einzelnen Abschnitte gleich wertvoll ausgefallen!erscheinen. Manche Lücke scheint vorhanden (z. B. Philologie und Psychoanalyse) Auch wäre u. E. ein Sonder-Kapitel: ,,Alltagsleben und Psychoanalyse“ nicht überflüssig, in dem über die Auswertung der Methode für die praktische Psychologie des Alltags (Verdrängungen, Unterbewußtsein, Fehlleistungen u. a ) zu reden wäre. Mancher Abschnitt scheint uns zu theoretisch auszufallen, so die Abschnitte : Ethik, Pädagogik und Psychoanalyse; Rechtspflege und Psychoanalyse; Dichtung und Psychoanalyse — und noch einzelne Kapitel, die wir gerne großzügiger, vertiefter, verheißungsvoller, praktischer für die Verwertung behandelt gesehen hätten. Als besonders gelungen und reizvoll kann man das erste Kapitel, den Beitrag des Herausgebers, H. Prinzhorn selbst bezeichnen: Versuch einer geistesgeschichtliehen Einordnung der Psychoanalyse. Wie hier Prinzhorn die geschichtlichen Vorstufen der Psychoanalyse behandelt und die feinsten Verästlungen aufspürt, die die psychoanalytisehe Lehre mit der französischen Aufklärung, mit den Romantikern, mit Schopenhauers Willens- und Trieblehre, mit Nietzsches Machtkampf und Herrenmenschentum, mit Kierkeaaards demaskierender Selbstanalyse verbindet — das ist ein MeistersLück psychologischer Einfühlungskunst. Gedankenreich