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Jeschurun · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 236

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Date
1929-05-01
Page
Seite 236 (sequence 18)
Language
German
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J 236 Die Propheteiilekture im Religionsunterricht dürfen wir uns nicht verführen lassen, in den Texten die Sehnsüchte unseres Zeitalters wiederfinden zu wollen, wenn nicht eine philologisch genaue Interpretation uns hierzu das Recht gibt. Wir haben die Verpflichtung, den Schülern zunächst einmal den klaren Wortsinn zu geben. Läßt sich dieser nicht ein- * deutig ermitteln, so müssen wir das offen sagen. Ist zu be- , fürchten, daß solche Offenheit Verwirrung hervorrufe, so mag es im Einzelfall statthaft sein, daß der Lehrer von mehreren Uebersetzungsmöglichkeiten eine einzelne auswählt und die anderen verschweigt. Im Ganzen meine ich, braucht man nicht allzuängstlich zu sein. Der Schüler soll merken, daß die Uebersetzung und Auslegung prophetischer Texte keine leichte Aufgabe ist; wird es ihm zugemutet, zwischen den verschiedenen Möglichkeiten der Deutung zu wählen, so gewinnt dadurch die Lektüre für ihn einen neuen Reiz. Nun fühlt er sich nicht lediglich als der Lernende, der einen von außen an ihn herangebrachten Inhalt aufnehmen soll, sondern er fühlt sich gewürdigt, wenn auch in ganz bescheidenem Maße, Anteil zu nehmen an der Erforschung der biblischen Texte; ihm ist es anvertraut, das, was der Fleiß der Gelehrten zu Tage gefördert hat, zu prüfen, und indem er so um den Sinn des heiligen Wortes ringt, wird es in weit höherem Sinne sein eigener Besitz. Wenn etwa Jesaja verkündet: ״Ein Kind ward uns geboren, ein Sohn ward uns gegeben“,7) so sollte meines Erachtens der Ljehrer die Frage offen lassen, ob hier von einer bestimmten historischen Persönlichkeit oder aber vom Messias die Rede ist, oder ob schließlich an jene historische Persönlichkeit messianische Hoffnungen geknüpft worden sind. Man wird mir einwenden, daß die Jugend doch solche Stellen mit der Erwartung lese, über die messianischen Lehren des Judentums zur Klarheit zu kommen, und daß es doch schon den Ansprüchen des Christentums gegenüber, welche die Erfüllung jener messianischen Verheißungen für sich in Anspruch 7) Jesaja K. 9 V. 5.

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