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Jeschurun · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 235

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Date
1929-05-01
Page
Seite 235 (sequence 17)
Language
German
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Die Prophetenlektüre im Religionsunterricht 235 kengängen der Propheten folgen zu können, deren Geist nicht auf das Dasein des Individuums, nicht auf sein Glück und Unglück, auf sein Werden und Vergehen gerichtet ist, sondern auf das Schicksal des Volkes.0) Es geschieht sicherlich nicht ohne Grund, daß die Propheten in ihren Reden Israel zu per״ sonifizieren pflegten; wie ein lebendiges Einzelwesen steht das Volk vor ihnen. Damit soll gewiß nicht gesagt sein, daß jff sich der Inhalt der prophetischen Botschaft nicht über das Schicksal des Volkes erhebe, sondern nur, daß das geschieht״ lieh Bedingte, genauer gesagt, die Geschichte des jüdischen Volkes, unter dem oben skizzierten religiösen Gesichtspunkt des Bundes mit Gott betrachtet, den Ausgangspunkt für das Uebergeschichtliche, Ällgemeinmenschliche in den prophetischen Reden bilde. Daß aber den prophetischen Reden anderer״ seits die Richtung auf das Ällgemeinmenschliche innewohnt, muß eben so stark im Unterricht betont werden. Denn nicht zuletzt in diesem Punkt liegt die erziehliche Wirkung, die wir von der Prophetenlektüre erwarten. Darum sollte ein Pro״ phetenwort wie Micha 6 V. 8 mit dem größten Nachdruck gelesen werden. Der Beschäftigung mit den messianischen Stellen sollte weitester Spielraum gewährt werden. Freilich setzt die Behandlung dieser Texte aufseiten des Lehrers eine besonders gewissenhafte Vorbereitung voraus. Bekanntlich ist die Deutung der messianischen Stellen vielfach unsicher. Hier G) Die zahlreichen Äussprüche, welche dem zu widersprechen scheinen, indem sie uns offenbar ein lebhaftes Interesse des Propheten an dem Schicksal bestimmter Einzelpersönlichkeiten zeigen, können hier, wo es sich um eine durchaus skizzenhafte Zeichnung der prophetischen Grundeinstellung handelt, nicht berücksichtigt werden. Äuch kann auf die bedeutungsvolle Rolle, die das Individuum in der Prophetie Jecheskels spielt, nicht näher eingegangen werden. . Eine Charakteristik des prophetischen Geistes wird freilich auch bei gründlicher Darstellung Widersprüche aufweisen müssen; das gehört gerade zu den hervorragenden Eigentümlichkeiten der prophetischen Weltanschauung, daß sie sich jeder systematischen Dar- Stellung widersetzt und daß der Versuch, eine prophetische Theologie zu schreiben, nie auch nur annähernd gelingen kann.

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