Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 234 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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234 Die Prophetenlektu re im Religionsunterricht von vorneherein im Rahmen der altorientalischen Geschichte dargestellt werden müßte. Das ist insbesondere wichtig, um ein vertieftes Verständnis der prophetischen Reden vorzubereiten, nicht nur insofern als diese sich auf bestimmte Ereignisse in der Geschichte des alten Orients beziehen, sondern indem sie sich darüber hinaus mit dem Werden und Vergehen der Weltmächte, mit dem Schicksal der gesamten vorderasiatischen Völkerwelt befassen. Nur wenn der altorientalische Imperialismus in seiner ganzen Wucht und Gewalt zur Dar- Stellung gelangt, wenn die großen Erobererpersönlichkeiten jener Zeit in ihren charakteristischen Zügen geschildert werden, kann die innere Ueberlegenheit der Propheten voll erfaßt, kann die religiöse Auffassung dieser Männer, für welche die Weltgeschichte das Weltgericht bedeutete, in ihrer ganzen Tragweite verstanden werden. Damit soll nun nicht etwa gesagt sein, daß wir etwa in unserem jüdischen Unterricht bis in die Einzelheiten hinein altorientalische Geschichte treiben sollten. Es kommt nur darauf an, daß der Lehrer eine Vor- Stellung von dem weltgeschichtlichen Leben jener Zeit zu geben vermag, ja, es ist notwendig, daß er aus. dem weitgespannten Rahmen einer solchen Darstellung sich immer von neuem zurückwende zur inneren Geschichte des jüdischen Volkes, und daß er die Geschichte des Volkes von ihren Anfängen bis über den nationalen Untergang hinaus in den Kreis der Betrachtung einbeziehe. Denn die Propheten stehen mitten im Strom des nationalen Lebens und der nationalen Geschichte. Ihre Botschaft ist nicht aus zeitloser Erlösungssehnsucht geboren, und sie kommen nicht, um der einzelnen Seele das Heil zu bringen. Sie gehen aus von einer ganz bestimmten religiösen Ueberlieferung geschichtlichen Inhalts, welche das Volk als Ganzes betrifft. In Urzeiten hat Gott mit Israel einen Bund geschlossen. Diesen Bund hat Israel gebrochen. Nun gilt es, das abtrünnige Volk zu Gott zurückzuführen. Diese Grundlagen der prophetischen Weltanschauung müssen im Unterrieht immer wieder hervorgehoben werden. Denn es bedarf für viele unter uns einer inneren Umstellung, um den Gedan-