Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 232 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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232 Die Prophetenlektüre im Religionsunterricht von diesem Propheten psychologische ÄufZeichnungen, gleichsam Tagesblätter besitzen. Ueberdies gehört eine Einführung m die Psychologie des Jeremia zu den dankbarsten Gegenständen, die die Bibellektüre auf der Oberstufe überhaupt bietet.5 Hier wird uns die innere Geschichte eines sanften und in sich gekehrten Menschen erzählt, eines zarten Idyllikers, der durch das göttliche Wort hineingezwungen wird in die Welt der Tat, hineingedrängt in den Wirbel der Tageskämpfe und das in einer Zeit, da das Vaterland seine letzte und stärkste Krisis durchlebt; und dieser stille, sanfte Mensch, der an dem Widerstreit zwischen Berufung und Charakter fast zerbricht, diese träumerisch weiche Seele überrascht uns jäh durch himmelstürmenden Trotz, urplötzlich steht der fromme Prophet , als Empörer der allgewaltigen Gottheit gegenüber; und dann sehen wir wieder, wie derselbe Mensch schließlich in tiefster Entsagung als stummer Dulder übermenschliches Leiden auf sich nimmt. Ein ungeheurer Reichtum seelischen Lebens, eine Vielfältigkeit innerer Möglichkeiten breitet sich vor uns aus, von der uns die Fragmente, die uns das Buch überliefert, vieles ahnen und manches vermuten lassen, ohne uns doch eine deutliehe Vorstellung von der inneren Entwicklung dieser merkwürdigen Persönlichkeit zu geben. Da aber der jugendlich Sinn sich nicht wie der Geist des wissenschaftlichen Denkens mit Möglichkeiten zufriedenzugeben vermag, da der junge Mensch mehr oder weniger erwartet, daß ihm der jeweilige Unterrichtsstoff als etwas Ganzes, Geschlossenes entgegentrete, so glaube ich, daß man es wagen sollte, im Unterricht aus diesen Fragmenten ein Ganzes zu gestalten. Es ist nicht ganz zu vermeiden, daß der Lehrer sich etwas von den Rechten des Künstleis anmaßt. Das gilt nicht nur für die Darstellung der prophetischen Psychologie, es gilt noch mehr für die Darstellung der äußeren 5) Moritz Lazarus, Der Prophet Jeremias bietet recht viel feinsinnige psychologische Bemerkungen; bedenklich nur, daß das Buch an vielen Stellen religionsgeschichtiich orientiert ist. '־־'