Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 231 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Prophetenlektüre im Religionsunterricht 231 eine unüberwindliche Gewalt sie antrieb, zu reden, zu verkünden. ״Der Löwe brüllt, wer sollte sich nicht fürchten, der ewige Gott hat geredet, wer sollte nicht verkünden?“4) Und nun die Umgebung, in der diese Menschen, im Gefühl des Berufenseins, die göttliche Botschaft verkünden: stumpf, gleichgültig, ja feindselig steht das Volk dem Propheten, dem ewig Einsamen gegenüber. Das Volk, das untergehen muß, weil es sündigt, das aber noch heute gerettet werden kann, wenn es umkehrt; aber dieses Volk ist ja verblendet, es hört ihn ja nicht, ihn, den allein Wissenden. Welche Wirkung muß diese Situation auf den prophetischen Redner ausgeübt haben! Mußte sie nicht die innere Erregung, aus der heraus er sprach, ins Unermeßliche steigern? Und ist nicht eben aus solcher Erregung heraus die innere Zerklüftung der pro״ phetischen Rede verständlich? Der Gottgesandte, der von der Welt verfolgt wird, der Verkünder, den es mit unbezwinglicher Gewalt dazu treibt, die Idee der Gerechtigkeit in einer Welt zu verwirklichen, welche diese Idee verlacht, der Retter seines Volkes, der von seinem Volke gehaßt wird — dieser prophetisehe Typus neben dem noch ganz andere Typen stehen, insbesondere der Prophet als Tröster, als Heilbringer, der da kommt, die müden Seelen aufzurichten — dieser prophetische Typus darf in gewissem Sinne als Held einer Tragödie bezeichnet werden. Und der Prophet als tragische Persönlichkeit macht uns das tragische Pathos der prophetischen Rede verständlich, das in der gesamten Weltliteratur nur in einem engen Kreis von Dichtungen seine Analogie findet, nämlich eben in der tragischen Dichtung der Völker. Von solchen Erwägungen — so meine ich — müßte etwa eine prophetische Psychologie im Religionsunterricht ihren Ausgang nehmen. Sie müßte den Propheten darstellen in seinem inneren Verhältnis zu Gott und zur göttlichen Botschaft und sie müßte ihn darstellen in seinem inneren Verhältnis zum Volk. Das ließe sich am leichtesten an Hand des Buches Jeremia machen, da wir 4) Ämos III8.