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Jeschurun · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 230

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Date
1929-05-01
Page
Seite 230 (sequence 12)
Language
German
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230 Die Prophetenlektüre im Religionsunterricht ber auf die Jugend wirken zu lassen. Wir müssen uns ge׳־ wiß unserer ästhetischen Kategorieen bedienen, aber es soll doch der Sinn für den eigenen Klang der Prophetieen erweckt werden. Daher darf das Streben, dem Schüler etwas Einheitliches, Geschlossenes vorzuführen, nicht zu weit gehen. Unsere alten Propheten waren eben keine Systematiker und die Jugend soll sie doch kennen und lieben lernen, wie sie waren. Um ein solches vertieftes Verständnis zu erzielen, müssen wir über das rein Aesthetische hinausgehen, und den Versuch wagen; — wenn auch in den gröbsten Umrissen — eine Einführung in die prophetische Psychologie zu geben. Das kann natürlich nur mit äußerster Behutsamkeit geschehen. Es soll nicht etwa versucht werden, mit den Mitteln der modernen Psychologie in das Werden der prophetischen Vision hineinzuleuchten. Wenn es für den Forscher interessant ist, Änalogieen zu den prophetischen Erlebnisformen im Bereich der Psychopathologie zu finden, so wird die Wissenschaft nicht den Anspruch erheben, das Wesen des prophetischen Erlebnisses durch solche Änalogieen klären zu können. Auf alle Fälle ist es aber vom pädagogischen Gesichtspunkt aus abzulehnen, die psychologische Betrachtung an das Offenbarungserlebnis selbst heranzutragen. Dieses kann nur gleiohsam als religiöses Urphänomen ehrfürchtig hingenommen werden. Wir dürfen es ebensowenig zergliedern, oder besser gesagt zu zergliedern versuchen, wie das schöpferische Erlebnis des großen Künstlers. Nicht dogmatische Gebundenheit setzt hier unserem denkenden Erfassen eine Grenze, sondern die Ueberzeugung, daß der Jugend die demütige Scheu vor dem Geheimnis erhalten bleiben solle. ״Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil; wie auch die Welt ihm das Gefühl verteure, ergriffen fühlt er tief das Ungeheuere“. Dagegen vermögen wir sehr wohl etwas von der Wirk u n g des Offenbarungserlebnisses auf die Propheten auszusagen und das, was wir darüber aussagen können, ist durchaus für den Unterricht verwendbar. Wir wissen, daß dieses Erlebnis die Propheten von Grund auf erschüttert hat, daß

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