Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 229 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Prophetenlektüre im Religionsunterricht 229 schmückt. Da gellt ein angstvoller Schrei an sein Ohr wie der Schrei einer Frau, die zum ersten Mal gebiert; weggeweht ist das Bild, das er eben noch mit grausamer Deutlichkeit entworfen hatte, ״es ist die Stimme der Tochter Zion, sie stöhnt, sie ringt ihre Hände: wehe mir, meine Seele erliegt den Mördern/‘ So tritt bei aller Vielfältigkeit deutlich immer wieder das Hauptmotiv hervor: Jerusalems Untergang. Kann man gewiß nicht von einem streng architektonischen Aufbau dieses Kapitels reden, so formt sich doch aus Unheilverkündüng und Mahnung, Klage und Tröstung, konkreter Schilderung und Symbolisierung, göttlichem Wort und Prophetenwort ein Ganzes, das freilich in ein ästhetisches System nicht ohne weiteres einzuordnen ist.“ 3) Ich habe zur Veranschaulichung jener Unterrichtsmethode, die die prophetischen Texte der Jugend ästhetisch nahebringen soll, absichtlich zwei sehr verschiedene Beispiele gewählt; Jesaja 40 V. 1—11 wirkt fast ohne weiteres als eine Einheit, Jeremia IV V. 5—31 läßt eine verwirrende Mannigfaltigkeit von Bildern auf den Leser einstürmen. Es zeigt sich also — und eine größere Zahl von Beispielen würde das noch deutlicher zeigen —, daß die Aufgabe für den Lehrer bei den verschiedenen Texten eine durchaus wechselnde ist. Dieser muß sich jede einzelne Lektion selbständig erarbeiten, es gibt hier kein Schema — darin liegt einer der besonderen Reize der Prophetenlektüre für den Lehrer. Eine Gefahr ist freilich bei einer solchen־ in hohem Maße selbständigen Gestaltung des Lehrers sehr groß und ist wohl auch bei den oben geschilderten Lektionen nicht ganz vermieden worden: daß er nämlich zuviel von seiner eigenen und unserer heutigen Geistesart in die alten Texte hineinlegt. Schließlich ist es das Ziel der Prophetenlektüre, die prophetischen Schriften durch sich seis) Ob die Huffassung, daß wir in den Versen 5—31 eine einzige Rede vor uns haben, wissenschaftlich haltbar ist, das steht hier nicht zur Diskussion. Vgl. Paul Volz: Jeremia/ Leipzig-Erlangen 1922 S. 49ff. ־ ׳ / <• ־-