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Jeschurun · 1929-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1929) · p. Seite 227

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1929)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1929)
Date
1929-05-01
Page
Seite 227 (sequence 9)
Language
German
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Die Prophetenlektüre im Religionsunterricht 227 2. Beispiel Jeremia IV (V. 5—31), Den Kernpunkt die-׳ ser prophetischen Rede bildet die Botschaft von dem bevor-׳ stehenden Untergang Jerusalems, der durch einen vom Norden heranziehenden Feind herbeigeführt wird — es mag hier dahingestellt bleiben, ob mit diesem Feind das Reitervolk der Skgthen gemeint ist oder aber Nebukadnezar. Die Unheils- Verkündigung ist eine bedingte, d. h. das Volk vermag nach dem Worte des Propheten noch in letzter Stunde das drohende Verhängnis durch innere Umkehr von sich abzuwenden. Der Prophet bringt den Inhalt seiner Verkündigung auf zweifache Weise — realistisch und symbolisch — zur Dar- Stellung. Einerseits hören wir in geheimnisvollen Andeutungen von einem Löwen, der aus seinem Dickicht hervorgebrochen ist, von einem Glutwind, der sich von den Dünen der Wüste her über Jerusalem nähert, andererseits erblicken wir schon die Signale, die das unmittelbare Herannahen des Feindes melden, wir sehen schon seine Kriegswagen heranstürmen, und wir vernehmen den verzweiflungsvollen Schrei der Besiegten: ״Wehe uns, wir sind vernichtet.“ Neben rätselhaft dunkler Weissagung steht die konkrete Schilderung der zukünftigen Einzelsituation. Aber von der mehr oder weniger zufälligen Einzelsituation wird unser Blick immer wieder auf das Wesentliche gelenkt. Wenn etwa der Prophet der Tochter Zion zuruft: ״Wenn Du in Scharlach dich kleidest, wenn Du Goldschmuck anlegst, wenn Du mit Schminke aufreißt deine Äugen — umsonst machst Du dich schön, es verschmähen dich die Buhler, dein Leben wollen sie!“ so hat er hier Schick- >sal und Wesensart Judas und Jerusalems, die Tragödie des Völkes und seiner Hauptstadt, mit jener Fähigkeit zur Konzentration, wie sie nur dem Seher und dem Dichter eignet, zürn Sgmbol. geformt. All das vielfältige Getriebe der Zeit ist hier gleichsam zusammengeschaut, das national Bedingte ist ins Allgemein-Menschliche erhoben. Befinden sich aber auf splche Weise symbolische und realistische Darstellung in ständigem Wechsel miteinander, so muß notwendig der Eindruck der Uneinheitlichkeit, ja Zerrissenheit entstehen, umsomehr:

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