Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 224 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Die Prophetenlekiüre im Religionsunterricht zu können. Hier meine ich nun, daß der Lehrer aus pädagogischen Gründen von den Ergebnissen der Bibelwissenschaft abweichen muß. Wo immer sich auch nur die entfernteste Möglichkeit bietet, einen größeren Text als eine Einheit zu lesen, da soll er von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Denn die Beschäftigung mit den europäischen Literaturen hat unser Äuge und Ohr an größere dichterische Einheiten gewohnt. Der Prüfstein für den Lehrer, ob er mit einem gewissen Recht einen größeren Text als Einheit gelesen hat oder nicht, ist die Wirkung, die dieser Text auf reife, selbständig denkende Schüler ausübt. Getrost mag er selbst den Widerspruch solcher Schüler herausfordern. Zuvor muß allerdings der Sinn für die Besonderheit der althebräischen Lyrik gepflegt sein. Das ist, wenn man in Betracht zieht, daß die literarische Bildung unserer Jugend aus ihrer Beschäftigung mit der deutschen Klassik erwächst, keine leichte Aufgabe. Zwar gibt es althebräische lyrische Dichtungen von streng architektonischer Gliederung; aber das kann doch kaum als die Regel bezeichnet werden. Sondern vielfach haben diese Gebilde eher mosaikartigen Charakter. Da löst ein Bild das andere ab, eine Vision jagt förmlich die andere, unvermittelt wechselt die Stimmung, man möchte manchmal sagen, daß nur die Persönlichkeit des Verfassers, seine seelische und geistige Eigenart, dieses Chaos schließlich doch in gewissem Sinne als künstlerische Einheit erscheinen läßt. Dem tiefer dringenden Blick werden zwar auch in solchen Fällen bestimmte Leitmotive sich herausschälen, um die das Denken und Fühlen des Dichters kreist, aber dazu gehört zunächst einmal die Fähigkeit, das ganze zu überblicken, die zahlreichen Einzelbilder nicht nur nacheinander in sich aufzunehmen, sondern schließlich auch in ihrer Gesamtheit mit dem Äuge des Geistes zu erschauen. So erscheint es notwendig, daß der Lehrer die innere Einheit der prophetischen Texte von vorneherein stark hervortreten läßt, und daß er, soweit ihm dies möglich ist, dem Schüler dazu verhilft, den Ueberblick über das Ganze zu gewinnen.