Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 223 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Prophetenlektüre im Religionsunterricht 223 dichterischen Schönheit der Bibel empfanden, vermag sich sehr wohl zu paaren mit dem Gefühl für die religiöse Einzigatigkeit dieses Buches. Wie aber sollen wir in unserer Jugend das Verständnis für die Schönheit der prophetischen Texte wecken? Das ist ein sehr schweres Problem, für dessen Lösung hier nicht mehr als einige Fingerzeige gegeben werden können. Zunächst sollten ästhetisch besonders wirkungsvolle Texte — wie etwa Jesaja Kap. 6 — ganz schlicht gelesen und übersetzt werden. Geschieht das in schöner, eindrucksvoller Weise, so werden solche Kapitel ohne weiteres in ihrer dichterischen Schönheit erfaßt werden. Wie man von einem Lehrer im Deutschen erwartet, daß er ein deutsches Gedicht schön vorlesen könne, so muß man an einen Lehrer, der jüdischen Schülern die poetischen Texte des biblischen Schrifttums übermitteln will, die Anforderung stellen können, daß er die lyrische Weichheit eines Hosea und Jeremia, die Wucht und Kraft in den Worten eines Ämos und Jesaja durch seinen Vortrag deutlich zu machen verstehe. Wenn ich nun auch grundsätzlich den Standpunkt vertrete, daß die Art und Weise des Vortrages und der Uebersetzung, die Atmosphäre, die der selbst von der Schönheit des Bibelwortes ergriffene Lehrer schafft, am ehesten auch in der Seele des Lernenden diese Ergriffenheit hervorruft, so glaube ich doch, daß man im Einzelnen von einer ästhetischen Analyse nicht zurückschrecken darf. Insbesondere glaube ich, daß die Bildersprache der Propheten einer eingehenden Betrachtung im Unterricht unterzogen werden muß. Es gehört nun einmal eine gewisse Schulung dazu, sich in den Stil unserer Propheten, deren Denken doch weit anschaulicher, weit bildhafter als das unsere war, einzuleben. Die größte Schwierigkeit für eine ästhetische Erschließung der prophetischen Texte liegt in der Eigenart ihrer Komposition. In der heutigen Bibelwissenschaft vertritt man den Standpunkt, daß die prophetischen Sprüche großenteils sehr kurz gewesen sind. Nur selten glaubt man, größere geschlossene Kompositionen — wie etwa Jesaja 13 — finden