Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 222 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Die Prophetenlekture im Religionsunterricht giösen Sehnsucht und der Kraft ihres Glaubens heraus den Mut gefunden haben, gegen eine Welt für die Erfüllung der unbedingt ethischen Forderungen zu kämpfen. Ethischer Ra-׳ dikalismus ist eine Eigenheit der Jugend und messianische Sehnsucht ist einer ihrer stärksten Impulse, sofern sie idealistisch gerichtet ist. So ist der Weg für den jüdischen Jugendlichen, der mit dem religiösen Leben seines Volkes innerlich verbunden ist, fest mit Notwendigkeit vorgezeichnet: er führt zu den Propheten. Welche Äufgabe für den Lehrer! Unendlich reizvoll und unendlich schwierig zugleich. Denn wo sind die Hilfsmittel, derer er sich für seine Vorbereitung bedienen soll? Herrscht doch an geeigneten jüdischen Kommentaren ein empfindlicher Mangel.1) Gewiß bilden unsere alten jüdischen Kommentstoren eine Fundgrube der Belehrung. Aber es muß doch ge-׳ sagt werden, daß einzelne Momente, die für den modernen Unterricht eine entscheidende Rolle spielen, von den jüdischen Gelehrten des Mittelalters gar nicht berücksichtigt werden konnten. Dazu gehört in erster Linie das ästhetische Moment. Man braucht heute kaum mehr zu betonen, daß die Heiligkeit der biblischen Schriften nicht leidet, wenn neben dem Inhalt auch die Form der Texte den Gegenstand der Be-׳ trachtung bildet. Die jüdische Geschichte hat es mit sich gebracht, daß der ästhetische Sinn bei einem sehr großen Teil der Judenheit zeitweise ganz verkümmert ist. Die Renaissance der hebräischen Dichtung einerseits und die starke Verknüpfung der westeuropäischen Judenheit mit den künstlerisehen Werten des indogermanischen Kulturbereichs bereitet aber für den jüdischen Bibelleser eine entscheidende Wandlung vor.2) Die tiefe Ehrfurcht, die die erlauchtesten Geister der nichtjüdischen Welt, die ein Herder und Goethe vor der 1J Rühmend hervorzuheben ist aus neuester Zeit der Micha-׳ Kommentar von Posner, Frankfurt a. M. 1924. 2) Hierfür scheint mir die Entstehung des Bibelwerkes von Buber und Rosenzweig charakteristisch zu sein.