Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 212 (sequence 106)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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212 Der Zaddik, ein Drama von Arthur Sakheim auf ihre Rechnung kommen. Sie werden bedauern, daß dem prächtigen Konfliktstoff (das Grundmotiv vom Zaddik, der das Geheimnis seiner unreinen Herkunft von einer Vergewaltigung seiner Mutier durch einen Kosaken bei einem Progrom erfährt und der darauf die tiefsten Seelenqualen durchmacht) und den im Drama agierenden Personen fast alles Leibliche entzogen wurde und daß fast nur Ideenhaftes und Exstatisches in Handlung, Sprache und Gehaben übrig geblieben ist. Wer aber gerne in den mysiisch-raunenden Strom des Chassidismus untertaucht und sich willig von den Strömungen der Kabbala tragen läßt, der wird in dieser abgrundhaften und Schönheitrauschenden Dichtung mit ihrer iremdwüclisigen Klangwelt und Äusdruckskunst reichlich auf seine Rechnung kommen und höchste Wonnen erleben. Das Ganze durchströmt eine Himmelsverzücktheit der Gefühle, ein Feuerrausch der Sprachgesialtung, die stellenweise an schier Unfaßliches, Gewaltsarnes, dämonisch Geballtes, ja Gestammeltes grenzt und für den rational Eingestellten Unvorstellbares szenisch zu formen versucht. Apokalyptische Bilder werden lebendig, Urquellen prophetischer Gesichte werden angerufeii, feurig-flammend, höllenbreughelhaft, hexensabbatartig jagen die Bilder an uns vorbei — um sich zuletzt in einer mystischen Nebelstimmung aufzulösen. Darunter leidet das dramatische Gefüge ganz empfindlich. Das Mitempfinden und Identifizieren des Zu- Schauers mit dem tragischen Helden — dem Zaddik, der sich durch den Fehltritt der Mutter als Sproß ihrer Schändung für ewig gezeichnet sieht — dieses uns zuerst mitreißende Empfinden für die leidenden Personen wird letzten Endes durch die Exzesse der Sprache, die Zerrissenheit der Gefühle und das Grausige der letzten Szenenbilder in einem Meer von Lyrisrnen und Paroxysmen fast erstickt. Sakheim ist ein ,,Feuerspeier des Worts“. Wir Durchschnittsmenschen können nicht dauernd in seraphischen Gefühlen schwelgen, am wenigsten im Drama. Der Lyriker Sakheim erdrückt den Dramatiker, den Menschengestalter. ,,Das sind Dinge, für die kein bestimmtes Maß ist“, sagt einer der Chassidim gegen Schluß,