Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 180 (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
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180 Anders und nicht anderst von der Thora aufgesogen werden. Man kann tatsächlieh die Stellungnahme des jüdischen Volkes zur Weltkultur und ihren Erscheinungen nicht aus der Thora allein rekonstruieren, man muß auch der Wesenseigentümlichkeit des jüdischen Volkes gerecht werden, dieser Wesenseigentümlichkeit, die nicht allein aus der Beeinflussung durch die Thora entstanden ist, sondern a priori mit der Thora als göttliche Willensausstrahlung kommuniziert. Kann man Kunst aus dem Boden stampfen? Kunst, wahre, ernste Kunst als Ausdruck des Gemütes, der Seele, muß wachsen und reifen. Und dazu gehört Gemeinsamkeit der Anschauung, gemeinsame tiefe Beziehung der Menschen zum gemeinsamen Boden. Wir Juden haben keinen Boden und werden ihn, solange das vormessianische Erdendasein reicht, nicht haben. Das Losgerissensein des jüdischen Volkes vom Erdreich ist mit seiner Schicksalsidee enge verknüpft. Alle Bestrebungen, dem jüdischen Volke das gemeinsame Territorium zu geben, gehen von der Voraussetzung aus, daß sein bisheriger ״heimatloser“ Zustand ein unnatürlicher ist und in Wahrheit ist dies gar nicht so sicher, denn alles deutet darauf hin, daß das Judentum für das Golus geschaffen ist. Die menschliche Kultur als Summe aller Antworten auf die Frage des Seins ist ein Abglanz der menschlichen Seele in ihrer Sprache. Die Wesenhaftigkeit des jüdischen Volkes ist ein Abglanz der Sprache Gottes in der menschlichen Seele. Wenn wir nun die מצות התורה sichten und sagen: Das ist ein Rechts-Satz, das ist eine sittliche Forderung usw., dann anerkennen wir doch das Recht und die Sittlichkeit als etwas Absolutes und Selbständiges, mit dessen Hilfe wir die Thora interpretierten und in Wahrheit gibt es kein Recht und keine Sittlichkeit, es gibt nur Gottes Willen in der Thora und unser selbsterhalterisches Ich. •ובל העמים ילכו איש בשם אלהיו ואנחנו נלך בשם ה, אלקינו לעולם ועד ״Und alle Völker gehen, jeder im Namen seines Gottes, und wir gehen im Namen des Ewigen unseres Gottes immer und ewig.“ Wir sind kein Beispielvolk, auch haben wir keine