Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 177 (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Anders und nicht anderst 177 Sakralen hinaus. Wenn man schon geneigt ist, gewisse Er״ scheinungen im Judentum unter dem Aspekt der Kunst zu sehen (das Heiligtum, die relig. Literatur), so ist es dennoch eigenartig und einzigartig, daß sich diese ,,Kunst“ auf dem Gebiet des Religiösen erschöpft hat, denn die Juden haben für ihre Wohnhäuser und Paläste keinen jüdischen Stil benützt, und außer dem Liturgischen keine Poesie geschaffen. Wo finden wir ein zweites Volk, dessen künstlerische Fähig״ keiten so voll und ganz von der Religion auf gesogen wurden? Alle Leistungen des Volkes stammen nie allein aus seinem Eigensten, immer fußen sic auf gewissen, von außen gekommenen Eindrücken. Wenn man nun aber alle Beeinflußungen und übernommene Traditionen subtrahiert, dann bleibt noch ein weniges, aber ureigenes Etwas zurück. Der Aus״ gangspunkt der Renaissance z. B. war Italien, und Deutschland wurde von dort beeinflußt. Doch hat das deutsche Volk, das ja schon kraft seiner vorhergegangenen künstlerischen Ent- Wicklung (wenn man dieses Wort hier gebrauchen darf), zur Renaissance prädestiniert war, diese doch auf seine typisch deutsche Weise geformt und gestaltet und dies nur mit Hilfe seiner ureigenen Wesenhaftigkeit. Ein anderes Beispiel, — jedes Volk hat seine Faust-Gestalt, was ein Volk unbewußt fühlt, was es in seinem Sehnen nach Unendlichem, Ewigem in seinem Unbefriedigtsein an all dem Getriebe empfindet, das gestaltet es in seiner Faust-Figur. Obwohl nun das ,,Faustisehe“ in der ganzen Weltliteratur zu finden ist, ist doch der deutsche Faust im Studierzimmer grundverschieden vom Faust des Don Juan, des Don Quixote und sogar von dem des Leonardo da Vinci. — Warum haben wir Juden all die Dinge nicht mit Hilfe unserer ureigenen Wesenhaftigkeit geformt und gestaltet? Wir sind gewohnt, die Begriffe, die zur Konstruktion eines Volkstums gehören, aus dem Wörterbuch der Nichtjuden zu holen. Wenn wir nun finden, daß unser Weg auch jenseits der ästhetischen Gestaltung liegt, empfinden wir dies deshalb als Manko. Wir sind doch ,,Gottes Volk“, und solange wir uns