Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 124 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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124 Die Ärehitektur der Synagoge ter respektiert. Ein Bruch mit dieser Tradition hebt den jüdischen Charakter in Toto auf. Der Grad, die Strenge jener Scheidung der Geschlechter mag wohl in verschiedenen Zeiten verschieden gewesen sein. Eine sehr bezeichnende Boraitha wird vom Talmud Succa 61 b angeführt: Erst saßen die Frauen (in der offenen Halle von Esrath Naschim beim Wassenschöpffest) innen, die Männer draußen, das führte aber noch zu unreinen Gedanken; da ordnete man an, daß die Frauen außen, die Männer innen säßen, aber noch immer führte dies zu unreiner Stimmung; da ordnete man an, daß die Frauen oben, die Männer unten säßen. Nach Maimonides (Erklärung zur Mischnah) sind die aufgeführten Galerien völlig geschlossen gewesen, nur Fenster, wie die Tempelfenster, gewährten den Frauen die Möglichkeit des Zuschauens. Die Nachwirkung dieses in der Boraitha dargelegten Ent׳- wicklungsganges erblicke ich in der Geschichte des Synago׳- genbaus. Seine älteste Form knüpft an die antike Basilika an, eine rechteckige, dreischiffige Halle; die durch enge Säulenreihen abgetrennten Seitenschiffe dienten vielleicht dem Gebet der Frauen, die Mittelhalle den Männern. Früh ist man aber bei größeren Synagogenbauten dazu geschritten, wie es auch in den Basiliken vorkam, Emporen zurückliegend an drei Seiten anzubringen, sodaß der gesamte untere Raum den Männern allein Vorbehalten blieb. Je nach den örtlichen Umständen und Bedingungen treffen wir im Laufe der Zeiten verschiedene Regelungen. In kleinen, schlichten dörflichen Verhältnissen mag und darf sie eine andere sein als in der großstädtischen Zivilisation. Bald nahm man die Zweiteilung der Tempelvorhalle in hinter einander liegende Räume zum Vorbild, bald die Galerien des Wasserschöpffestes. Die großartigste Lösung war wohl in der Raschisynagoge zu Worms, wo die Frauensynagoge als selbständiges Gebäude in einem Winkel an die Männerschul herantritt, daß beide den Blick zum Oraun hakaudesch gemeinsam haben. Das Grundprinzip blieb aber immer dasselbe.