Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 123 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Architektur der Synagoge 123 bedeutet er das gewisse Verderben. Das Judentum kennt nur Gesetze, die für alle und jeden gelten, nur solche, die auch den Schwächsten genügend schützen. Für den Starken bedarf es keiner Zaungesetze; er hat sie nur zu befolgen, weil sie eben nur Gesetz sind, Ausdruck der Solidarität der Gesamtheit, der Einheit des Starken mit dem Schwachen. Und wer ist stark? Vor allem, wer ist überall und jederzeit gleich stark! Unsere alten Weisen erblickten in der Trennung der Geschlechter und einer auf sie gebauten Lebensordnung die beste Gewähr für eine Erziehung zur Reinheit der Sinne und der Gedanken. Nun aber gar beim Gebet, bei der Abkehr von allen Eindrücken der Sinnlichkeit, bei der Zwiesprache und Versenkung der Seele ins Göttliche, da muß eine Gewißheit, eine vollkommene Sicherheit herrschen, daß der Mensch vor jeder Anregung zu sündigen Gedanken bewahrt wird. Die Synagoge selbst wenigstens darf ihm nicht Anlaß zu einer Empfindung sein, die das Auge Gottes und das Mitwissen der Menschheit scheut. Es muß ja nicht gleich so sein, daß die Augen einer Laura einen großen Brand wie im Dom zu Pisa stiften, oder daß, wie David in den Meistersingern von Nürnberg, jemand grade im Gotteshause der Geliebten sich zu nähern versucht. Aber kann es richtig sein, daß dem Jüngling, der in die Synagoge tritt, dessen Blut noch leicht reizbar ist, eine sinnlieh erregende Atmosphäre entgegenschlägt, daß die kleinste Freiheit in modischer Kleidung, in lässiger Haltung einer Dame ihn ablenkt? Sicher ist, daß nach den jüdischen Gesetzesbestimmungen ein Gebet in solcher Umgebung schlechterdings verboten ist, und unter das härteste Verdikt fällt. Dieser Symbolausdruck der Geschlechtertrennung ist deshalb viel wesentlicher für die jüdische Andachtsstätte als der im ersten Teil behandelte: Emblemenkomplex von Oraun und Bima. Nicht umsonst haben selbst radikale Reformer Orgel und Gebetsänderung gefordert, aber die Scheidung der Geschlech-