Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 122 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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122 Die Architektur der Synagoge finden läßt, soll jedes Gebet in Vorwegnahme des Letzten dasselbe zum Bewußtsein bringen. So ist durch die Zeiten hindurch das gottesdienstliche Leben der Frau durchaus nicht ein bloßes Anhängsel zu dem des Mannes gewesen. Von Anfang an, wo Sara für Gott werbend unter den Frauen wirkte wie Abraham unter den Mannern, bis zur Zeit des Tempels, wo Jirmijah den Männern, Hulda den Frauen als Prophetin Lehre erteilt, ging es durch das ganze Galuth hindurch, wo die Frauen immer wieder einen eigenen Gottesdienst mit eigener Predigt und eigenem Chasonus besaßen. Und wenn in unseren Synagogen der Frau eine geringere Aktivität im Zusammenbeten mit den Männern beschieden ist, so spricht sich auch darin nur diese Änerkennung der jüdischen Gesellschaftsordnung und Weltanschauung aus, die jedem Geschlechte einen besonderen Bezirk religiösen Wirkens zu weisen. Die Trennung der Geschlechter als dauernde Einrichtung des Gottesdienstes hat also Symbolcharakter, ist Gedankenausdruck einer ethischen Lebensbestimmung. Sie ist aber zugleich der Ausdruck für die jüdisch-sittliche Lebens- Ordnung, die in der absoluten Trennung der Geschlechter das Mittel zur Versittlichung und Keuschheit des Menschen erblickt. Um die Einzigkeit und Durchführbarkeit dieses Weges geht heute ein großer Streit. Man glaubt, durch Gewöhnung der Geschlechter aneinander der Sünde den Reiz des Geheimnisses zu nehmen, durch eine Verfeinerung des Sexuellen seine Gefahren herabmindern zu können. Ob die Menschheit mit diesem neuen Wege Erfolg haben wird, muß die Zukunftsentwicklung zeigen. Bislang fehlt die Urteilsmöglichkeit. Wir bekennen freimütig, daß wir für starke Naturen darin wirklieh etwas Gutes sehen, daß wir bei der schaurigen Wirtschafts- und Kulturlage der Gegenwart, wo die Sexualität sich zu einem alles verschlingenden Lindwurm für die Reinheit unserer Jugend ausgewachsen hat, diesen Ausweg der Moderne als das geringere Uebel nicht ganz verurteilen können. Für schwache Naturen ist dieser Weg aber unbeschreitbar,