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Jeschurun · 1929-03-01 · Heft 3-4 (März 1929) · p. Seite 118

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1929)
Issue
Heft 3-4 (März 1929)
Date
1929-03-01
Page
Seite 118 (sequence 12)
Language
German
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118 Die Architektur der Synagoge waren viel mehr Zentralbauten als Längsbauten. Es war kein Zufall, daß die Entwicklung den synagogalen Charakter mehr und mehr aufgab, daß der Chorraum allein als beherrschend übrig blieb. Im romanischen Stil ergab sich wie von selbst das sog. ,,Geviert“, das Quadrat des Schnittes der beiden den Grundriß bildenden Kreuzarme als Höhepunkt des Gesamtbaus; dieses Geviert wurde auch nach außen der Träger des Turms, des ragenden Wahrzeichens in der äußeren Architektur. Dennoch erhielt es im Innern keine Bedeutung. Mit Bewußtsein wurde es unterdrückt, um die Einzigartigkeit des Chors in seiner aileinherrschenden Wirkung nicht zu stören. Zu sicher fühlte sich die Geistlichkeit als die alleinige Quelle des Heils gegenüber der Laienwelt. Um so gewisser ist es uns, daß die Synagoge ihren urtümlichen Charakter in ihrer Zentralität, in der Stärke der Bima besitzt. Man sollte glauben, daß die Reform als das Kind der Aufklärung und des Rationalismus, als die Leugnerin einer ,,Thora vom Himmel“, als die Künderin reiner Diesseitigkeit, in Konsequenz ihrer Weltauffassung den entsprechenden Ausdruck der Architektur ihrer Andachtsstätten suchen, den ausgesprochenen Zentralbau wählen würde. In gedankenloser Oberflächlichkeit wählte sie statt dessen die kirchliche Form, nur um den Nichtjuden ihre Wesensgleichheit vorzutäuschen. Oder liegt selbst in dieser Anpassung mehr als bloße äußere Gleichmacherei und Nachahmung? Oder sollte unbewußt darin sich offenbaren, daß der zur Schau getragene Unglauben, die leidenschaftlich proklamierte Freigeisterei der Mystik viel näher steht als die Frömmigkeit traditionellen Glaubens? Viele Erscheinungen des jetzigen Geisteslebens, der Parapsychologismus und die mystische Neigung der Gegenwart machen solche Vermutungen wahrscheinlich, ebenso wie die religiöse Unwissenheit und Passivität der liberal-jüdischen Gemeinde jene die Unterordnung darstellende Haltung gegenüber den Trägern und dem eigentlichen Schauplatz der gottesdienstlichen Handlung erzwingen.

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