Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 114 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Die Architektur der Synagoge Anders im Wesen und Gesamteindruck die Längsbauten. Hier ist eine bestimmte Richtung dominierend, in welche der Blick hineingezwungen wird, wo an einer festen äußersten Stelle des Raums ein alles beherrschender, geweihter oder ragender Zielpunkt die Aufmerksamkeit auf sich konzentriert. Dieser Punkt gibt dem ganzen Raum erst Sinn und Gehalt, läßt alles andere als unwesentlich neben sich verschwinden. So war das Heiligtum Israels, als Einheit genommen, ein Längsbau in Ostwestrichtung, wo alles nach dem Kodsche Kodoschim tendierte, wo אנו ליה וליה עינינו durch die Blickrichtung nach Westen man die alleinige Seelenorientierung auf Gott symbolisierte; so war die Quaderhalle, der Tagungsraum des großen Sanhedrin, allwo sie tagten ״wie in einer halben Rundtenne“, ein Längsbau, weil der erhöhte Sitz des Nassi an der Diagonalwand den gesamten Raum sich unterordnete. So sind alle Gerichts- und Lehrräume mit der bevorrechteten Seite des Katheders oder des Podiums für die Darbietungen des Unterrichts oder die Verhandlung der Schöffen, so das moderne Theater mit der Betonung und Heraushebung der Bühne an einem Ende des Baus Beispiele für Längsbauten. Zusammengefaßt läßt sich sagen: im Zentralbau treten die Menschen mehr in Erscheinung; im Langhaus verschwinden sie; dort sind alle gleichberechtigt, hier wenige hervorgehoben. Jener übt eine rationale, dieser eine magische Wirkung, jener ist demokratisch, dieser aristokratisch. Dort erscheint selbst dem Zentrum gegenüber der Zuschauer aktiv, wichtig, bedeutsam; hier ist er passiv, empfangend, unwesentlich gegenüber einer höheren Welt. Dort erscheint der Mensch in seiner Würde, hier in seiner Unterwerfung und Unterordnung. Jn welche von beiden Gattungen gehört nun die Synagoge? Um die Antwort vorweg zu nehmen: die Synagoge ist wohl das einzige Gebäude, das zugleich Längs - und Rundbau, zugleich gerichtet und zentralisiert ist, das einen amphibolen Charakter trägt, eine Kombination beider Grundformen architektonisch in sich zur Anschauung bringen muß.