Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 82)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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80 Die göttlichen Attribute das Gebiet der Metaphysik übertragen. Hier werden Midath chesed und Midath hadin in ihrer prinzipiellen Bedeutung genommen. Midath chesed, durch nichts bedingt und durch nichts gebunden, ohne andere Voraussetzung als die Güte, erscheint als Prinzip der Freiheit. Midath hadin hingegen, unter dem Zwang des Gesetzes entstanden, vertritt das Prinzip der Gesetzlichkeit. Mit voller Deutlichkeit findet man diesen Gegensatz in den Schriften der Kabbalah ausgedrückt: ״Wisse, daß der Begriff Chesed sich auf allJ das bezieht, was man tut, ohne von Rechts wegen dazu gezwungen zu sein, nur aus freiem Wohlgefallen und unabhängig, vielmehr aus Güte, d. h. Chesed. Da Chesed im Gegensatz zu Din gebraucht wird, bedeutet es das Gegenteil von Zwang.9) Es ergibt sich nun aus dieser Gegenüberstellung die Antinomie von Freiheit und Gesetz, deren Lösungsversuch im Sinne der Kabbalah allerdings erst an späterer Stelle, im Zusammenhang mit der Besprechung des dritten Attributes und des Prinzipes des Rachamim als Synthesis behandelt werden kann. Zunächst aber ist die festgestellte Bedeutung von Chesed schon darum wichtig, weil sich hieraus erst ersehen läßt, mit welchem Recht eine Reihe von Exegeten diesen Begriff einfach dahin erklären konnten, daß er die übernatürliche Waltung Gottes in der Welt bedeute.10) Sowie nämlich im allgemeinsten Sinne unter Din die Gesetzlichkeit sowohl im Reiche der Sitt- 9) Pardes Rimonim, Tor. 23 § 8, unter ״Chesed“. Das gleiche Zitat findet sich auch in Schaare Ora, Tor 5. In diesen beiden Werken, sowie in der ״Einführung in die Philosophie der Bibel“ von Meier A\unk (Kattowitz 1922) findet man außer der Sammlung von Belegen auch die eingehende Darstellung der hier in gedrängter Kürze skizzierten Gedankengänge. — Die völlige Unzulänglichkeit von solchen Forschern, denen das eigene Studium in den Quellen aus Alangel an Kenntnissen versagt ist, zeigt sich hier wiederum in einer Abhandlung von Nelson Giueck über ״Das Wort chesed im alttestamentlichen Sprachgebrauch“ (Gießen 1927), der unter chesed die ״einem Rechts-Pfiichts-Verhältnis entsprechende Verhaitungsweise“ versteht (Seite 20). 10) Vgl. u. a. Malbim zu Ps. 33, 5 oder 85, 8.