Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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64 Die göttlichen Attribute Die Gesellschaft wird immer strafen, denn sie muß es. Sie muß der Goel sein im Sinne des Rächers. Sie kann es aber auch sein im Sinne des Erlösers. Das Judentum hat, wie oben bemerkt, in sich die Ansicht entwickelt, daß die Untat nicht beim Verbrecher aufhört, sondern die ganze Gemeinde in Mitleidenschaft zieht. Das Unrecht beginnt aber auch nicht erst beim Uebeltäter, sondern entspringt aus der ganzen Gemeinde. Die Gesellschaft ist nicht nur das Opfer, sondern auch der Mitschuldige, bisweilen der Urheber des Verbrechens. Darum ist hinter dem Leben des Schuldigen der soziale Hintergrund aufzusuchen, dem dies Leben samt seiner Schuld entsprang; und bei der Bestrafung gilt es als letztes Ziel, nicht den Verbrecher, sondern das Verbrechen zu verfolgen und auszurotten. Eine ebenso moderne, wie echt jüdische Lehre. Als Rabbi Meir, Gatte der edlen Beruria, über einen Gottesleugner in seiner Nachbarschaft sich von Tag zu Tag mehr grämte und zuletzt seinen Tod herbeiwünschte, sprach sein Weib zu ihm: Steht denn geschrieben (im Psalm 104, 35), יתמו חוטאים ,,die Sünder sollen verschwinden?“ Es heißt vielmehr,3) ״ יתמו חטאיםdie Sünden sollen verschwinden“; und dann, von selbst, ״ ורשעים עוד אינםwird es keine Frevler mehr geben“; und dann, welch’ erhabenes Ziel! '״ ברכי נפשי את דdann preise meine Seele den Herrn“! Die göttlichen Attribute.* *) Eine begriffliche Untersuchung. Von Distriktsrabbiner Dr. Elle Munk. Die Lehre von den göttlichen Attributen hat bis in die jüngste Zeit schon so vielfache Bearbeitung gefunden, daß sich die abermalige Beschäftigung mit diesem Thema durch ein ganz bestimmtes Interesse erst rechtfertigen muß. Man hat 3) Gelesen wie חטאים in Koheleth, 10, 4. *) Diese Arbeit ist im Andenken an den am 28. Cheschwan heimgegangenen Dr. Meier Munk זצ״ל geschrieben. Was er einst in seinem Werk niedergelegt hatte: ״Glaube ist die Pflicht, sich