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Jeschurun · 1929-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1929) · p. Seite 63

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1929)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 63 (sequence 65)
Language
German
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Die Lehren von der ״Vergeltung“ usw. 63 Dabei ist das soziale Ideal nicht außerachtgelassen. Das kommt besonders durch Maimonides zum Äusdruck, wenn er sagt (More 3, 35 und 39): ״Mitleid gegen den Verbrecher erzeugt Grausamkeit gegen die Gesellschaft“. Die Vergeltung ist ein notwendiges Werkzeug jener Gerechtigkeit, die das Judentum als wahre Grundlage der moralischen Ordnung annimmt, wie sie sich in der fortschreitenden Vervollkommnung menschlicher Beziehungen darstellt. Nichtwiderstehen kann Mitleid gegen den Einzelnen bedeuten; aber es bedeutet Grausamkeit gegen die Gesellschaft, denn es behindert die Vervollkommnung der menschlichen Beziehungen. Das ist der tiefe Gegensatz zwischen der jüdischen Anschauung vom Recht und der neutestamentlichen Lehre vom Nichtwiderstehen. Und noch einen Schritt weiter geht das Judentum in dieser sozialen Auffassung. Die Strafe ist auch כפרה, Entsühnung, und damit Gnade für den Verbrecher selbst. Ein gerechtes Urteil ist nach dem Midrasch (Tanchumah zu Deut. 16, 20) ein Geschenk nicht nur für den Unschuldigen, sondern auch für den Schuldigen, der von seiner Schuld nunmehr gereinigt ist. Noch dringender aber als die individuelle, ist die gesellschaftliche Entsühnung. ובערת הרע מקרבך *,du sollst das Uebel aus deiner Mitte entfernen“ (Deut. 19, 19), legt deutlich den Nachdruck auf die Einwirkung des Vergehens auf den moralischen Sinn der Gesamtheit. Und Num. 35, 33: ״Das Land kann für das auf ihm vergossene Blut nur Sühne erhalten durch das Blut dessen, der es vergoß“, ist eine poetische Einkleidung des jüdischen Sinnes für soziale Verantwortlichkeit. Lex talio ist nicht nur ein gesetzliches, es ist auch ein ethisches Maß. Im Gegensatz zur unsozialen und daher antisozialen Nichtwiderstehens-Lehre ist die AugJ-um-Auge-Formel die einzig mögliche Basis gesellschaftlicher Solidarität und menschlicher Kameradschaftlichkeit. So paradox es klingen mag: Aug’ um Auge, ins Ethische übersetzt, lautet: ״Liebe deinen Nächsen wie dich selbst“ (Müller, die Gesetze Hammurabis, S. 227).

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