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Jeschurun · 1929-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1929) · p. Seite 56

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1929)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 56 (sequence 58)
Language
German
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56 Die Lehren von der ״Vergeltung“ usw. dürfe; daß ' nicht nur Gleiches mit Gleichem, sondern auch ״Maß für Maß“ (מדה כנגד מדה) vergolten werden müsse: das war die weitere Stufe der Entwicklung des talio״ Prinzips, mit welcher der Gedanke unbedingter Gleichheit von Verbrechen und Strafe, ausgenommen beim Mord, fallen ge״ lassen und für Gleichheit Gleich Wertigkeit eingesetzt wird, entweder in Form von Geldbuße oder Freiheitsentziehung. So wird der letzte Sinn von ,,Leben um Leben, Äuge um Äuge“ dieser: nur ein Leben für ein Leben, aber nicht mehr, nur ein Äuge für ein Äuge, aber nicht mehr. Dies ist die Grundlinie der Gesamtentwicklung. Was bedeutet nun aber die Formel ,,Äuge um Äuge“ wirklich und ursprünglich? Inwieweit ist die bezeichnete Mil״ derung schon von vornherein in der Thora darin enthalten? Die Frage ist um so berechtigter, als von den drei klassischen Texten der lex talionis, in Ex. 21, 21—25, Lev. 24, 19—20, Deut. 19, 16—21, der in Leviticus: ״Wenn einer seinem Nächsten eine Verletzung zufügt, so soll ihm geschehen, wie er getan hat; Bruch um Bruch, Äuge um Äuge, Zahn um Zahn — wie er eine Verletzung dem Änderen zufügt, so soll ihm zugefügt werden“ wörtlich genommen fraglos die rückhaltlose Ausübung der talio enthält. Der Talmud, also die mündliche Ueberlieferung, deutet ״Äuge um Äuge“ als Geldbuße; die Begründung der Talmudlehrer, teils exegetisch, teils logisch, weist darauf hin, daß das Gesetz, buchstäblich genommen, sich selbst ad absurdum führen und seine eigene Grundabsicht, eine ausgleichende Gerechtigkeit zu schaffen, zerstören würde, beispielsweise bei einem Einäugigen, der einem Zweiäugigen ein Äuge zerstört, oder umgekehrt. Daß es sich dabei nicht um talmudische Spitzfindigkeiten handelt, zeigt ein Vergleich mit der Bestimmung des Solonischen Gesetzes, die für den zweiten Fall befiehlt, dem Zweiäugigen beide Äugen zu nehmen. Die nichtbuchstäbliche Auffassung von ״Äuge um Äuge“ lag also nahe genug. Was aber meinte die Formel in Wirklichkeit, und was berechtigte die pharisäischen Gesetzes״ lehrer zu ihrer milden Auffassung?

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