Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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52 Ethische Vergleiche rechtschaffene Mann strebt darnach, in seinem Kreise womöglieh der erste zu sein und dafür zu gelten. Auch besitzt er dementsprechend Selbstgefühl. Seine Moral warnt vor dem Hochmut, aber nicht minder vor dem Gegenteil, dem Niedriggesinntsein. Dagegen ist das ״niedrig von sich denken“ der Anfang des Christentums. Und wie ist es im Judentum? Sicher ist es von dem großen Wert der Ehre und des Ehrtriebs durchdrungen. Seine Lehrer schärfen uns ein, daß uns die Ehre des Nächsten so lieb sein muß, wie unsere eigene. Das setzt natürlich die größte und uneingeschränkteste Schätzung der eigenen Ehre voraus. Es gibt kein Laster, vor dem das Judentum mehr warnt, als vor dem Hochmut, keine Tugend, die es mehr preist, als die Demut und Bescheidenheit. Es rühmt von dem größten aller Propheten, von Moses, daß er das größte Maß von Demut besaß, und rühmt von Gott selbst seine Demut und Bescheidenheit, daß er nicht die großen und gewaltigen Berge als Schaustätte seiner Offenbarung sich erkoren, sondern auf dem kleinen Sinai sich niederließ, und dennoch regt es uns an, daß wir tagtäglich darum bitten sollen, ״Anmut und Wohlgefallen bei Gott und den Menschen zu finden“, was doch bedeutet, daß wir nach Geltung, nach Ehre streben sollen. Allein wir dürfen nicht vergessen, daß der Ehrtrieb sein Korrelat und damit sein Korrektiv in der scharf betonten Pflicht findet, daß wir Gott und den Menschen die Ehre geben müssen. Unsere Ehrliebe und unser Ehrtrieb finden ihre Begrenzung in der Gott und dem Menschen zuzubilligenden Ehre und in der Beachtung dieser Grenze bleiben wir vor Hochmut bewahrt. Wir dürfen Selbstbewußtsein besitzen, wenn wir wissen, daß die Erfolge, die unsere Geltung und Ehre garantieren, letzten Endes ein Gnadengeschenk Gottes sind, und wenn wir nicht vergessen, daß wir mit all den übrigen Mensehen die große Demokratie der Familie Gottes, der Kinder Gottes darstellen, die alle von uns Gerechtigkeit und Liebe, Ehre und Schätzung erwarten dürfen. Die Thora unterbindet und verbietet Selbstgefühl und Ehrbetrieb mit nichten. Sie selber ruft uns mit großer Emphase