Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Ethische Vergleiche 51 Wir haben noch von der Stellung der einzelnen Völker oder Bekenntnisgruppen zum Ehrtrieb zu sprechen. Das eine haben wir jedenfalls bereits gesehen, daß bei den Griechen alle Tugenden im Selbsterhaltungstrieb wurzeln; sie stellen nach den verschiedensten Seiten die edle und verfeinerte Kultur der natürlichen Triebe dar. Wir haben aber auch gesehen, daß gerade das Christentum in seiner Urform die natürlichen Triebe als tadelnswert, als dem Satan zugehörig betrachtet und wir haben weiterhin festgestellt, daß die jüdische Lehre von dem Gesichtspunkte ausgeht, daß alle Triebe von Natur weder gut noch böse sind, sondern das eine oder andere erst werden, durch die Ärt und Weise, wie der Mensch, der Jude, mit seinen Neigungen und Trieben verfährt. Er hat es in der Hand, sie ebenso sehr zu seinem Glück, wie zu seinem Verderben sich entwickeln zu lassen. Gerade hier in der Pflege der Triebe, in der Herrschaft über die Triebe oder in der Zügellosigkeit, zu der wir die Triebe sich entwickeln lassen, dokumentiert sich die menschliche Willensfreiheit, die größte und erhabenste Auszeichnung des Menschen. Was verstehen wir unter der Ehre und dem Ehrtrieb? Die Ehre ist nichts anderes als das Maß von Geltung, das ein Mensch bei seiner Umgebung genießt oder doch erwartet. Und der Ehrtrieb ist der Trieb, der uns dazu anregt, so zu handeln, daß wir Geltung bei unserer Umgebung genießen, daß wir in Ehren bestehen können. Es ist natürlich unverkennbar, daß gerade bei diesem Trieb der Ausartung Tür und Tor geöffnet sein kann. Es ergibt sich leicht das Laster der Heuchelei, die das Gute nicht mehr um seiner selbst willen tut, sondern um der Ehre willen, die sich daraus ergibt. Es ist nicht zu verkennen, daß der Ehrtrieb, der Vater alles Guten, der Anreger zum Guten vor allem bei der Jugend, ausarten kann zum Hochmut und zur Selbstgefälligkeit. Und gerade im Hinblick auf alle diese Laster bezeichnet das Christentum die Demut als seine spezielle Menschentugend. Niedrig von sich denken, ist das Zeichen des wahren Christen. Der Grieche betrachtet die Ehrliebe als eine Tugend. Der