Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2293065-2293066--10260-2303554- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
48 Ethische Vergleiche und verwerflich, im Gegenteil, sie sind gut und können Segen stiften, wenn der Mensch sie zügelt und der Kultur des Lebens nutzbar macht. ״Wäre nicht der böse Trieb, so sagen die Weisen Israels, so würde kein Mensch arbeiten wollen, er würde keine Familie gründen wollen, die Erde würde veröden, die doch Gott geschaffen hat nicht als Einöde, sondern um darauf zu wohnen!“ Die natürlichen Triebe des Menschen begründen das Leben und seinen Inhalt, seine Kultur und seine den Menschen beglückende Bereicherung. In der Tat wird darum auch der wichtigste Akt des Lebens, der den gewaltigsten Trieb der menschlichen Seele der Sittlichkeit zuführt, der Akt des Ehe- Schlusses ״Kidduschin — Heiligungsakt‘ genannt und im Gegensatze zur christlichen Anschauung gilt der Jude, der zur Ehe reif ist, nach den Worten unserer Weisen als bei Gott in den Bann getan, wenn er zu lange außer der Ehe lebt. Die Weisen sprechen auf Grund des Thorawortes den kühnen Satz: ״Jeder Jude, der keine Frau hat, ist kein Mensch; denn es heißt, als Mann und Weib schuf er sie und nannte ihren Namen ״Mensch“. Also erst die Verbindung von Mann und Frau schafft den Menschen, berechtigt, sie zusammen ״Mensch“ zu nennen. Oder die Weisen sagen: ״Jeder Jude, der ohne Frau lebt, lebt ohne Freude, ohne Segen, ohne Glück.“ Die Ehe, die den stärksten Trieb im Menschen bindet, versittlicht, heiligt, nimmt diesem Trieb seinen rohen tierischen Naturcharakter und führt ihn zur Höhe des Göttlichen empor. Das Judentum bejaht die Erde und ihre Kultur auch nach dieser Richtung. Das Judentum anerkennt alle natürlichen Triebe, veredelt sie und stellt sie in den Dienst der Erziehung, der Propaedeutik für den Himmel; das Judentum ist vermöge seiner Lehren berufen, die Erde zu bebauen, die Kultur der Menschen zu begründen und zu fördern. Seine Grundlehren zwingen es nicht, von der Welt sich zurückzuziehen und in die Einsamkeit zu gehen, um seinen Lehren gemäß zu leben. Das Judentum geht aber durchaus nicht in der Kultur der Erde auf, die es keineswegs als das Endziel seines Stre-