Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Ethische Vergleiche 47 so frohlocke Dein Herz nicht!“ Und doch ist nicht zu leugnen, daß ein Unterschied in der Auffassung des Judentums und des Christentums hinsichtlich der Nächstenliebe vorliegt und auch dieser Unterschied ist wichtig genug; denn er ist charakteristisch. Nach der Lehre des Judentums, die ihren Bekennern nichts Unnatürliches zumutet, gibt es bei den Erwägungen der praktischen Nächstenliebe, soweit es sich um Wohltätigkeit durch irdische Güter handelt, einen Gradunterschied zwischen den zu Bedenkenden, oder besser gesagt, es gibt eine Priorität. Zuerst sind die Verwandten zu bedenken, dann die Ortsangehörigen, dann die Auswärtigen usw., soferne die Mittel nicht für alle ausreichen. Nach der Lehre der Evangelien ist das nicht so, sondern den Ersten-Besten sollst Du bedenken, ohne Rücksicht auf Verwandte und Nahestehende, die gleichfalls leiden. Und dieser Unterschied entspringt aus der Tatsache, daß die neue Lehre für die Ehe, die nach natürlicher Anschauung der Ausgangspunkt aller Nächstenliebe ist, und für die Familie nicht in dem Maße eingenommen ist, wie man bei der Betonung der Nächstenliebe erwarten müßte. Wiederum steht die Gemeinschaft nach dem Fleisch hinter der Gemeinschaft nach dem Geiste zurück. Jeschu selber bleibt unverheiratet, er löst sich von seiner Familie, er stiftet eine neue Familie um sich, die nicht eine Familie des Fleisches, sondern des Geistes ist. Auch Paulus läßt keinen Zweifel darüber, daß er dem ehelosen Leben den Vorzug gibt. Und es gibt hinsichtlich der Wertschätzung der Ehe sicher zu denken, daß nicht nur die Mönche, sondern auch die übrigen Vertreter der altchristlichen Gemeinde das Gelübde der Ehelosigkeit ablegen müssen und das alles hängt wiederum mit der Anschauung zusammen, daß alle natürlichen Triebe letzten Endes von Uebel sind, daß sie nach der dualistischen Auffassung des Christentums eigentlieh des Satans sind. Und gerade hier tut sich der große Unterschied gegenüber der Auffassung des Judentums auf. Ihm gelten die natürlichen Triebe absolut nicht als schlecht