Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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46 Ethische Vergleiche schauung mit der christlichen. Aber es gibt doch auch gegenüber dem Judentum in einem Punkte eine ganz verschiedene Beurteilung und Handhabung. Das Gebot der Nächstenliebe, das das Christentum mit besonderem Nachdruck, aber ohne eine geschichtliche Berechtigung, in die Welt eingeführt zu haben behauptet, ist ohne allen Zweifel ein jüdisches Gebot.“ Du sollst Deinen Nachsten lieben, wie Dich selbst!“ oder richtiger übersetzt und aufgefaßt, ״Du sollst für Deinen Nächsten dasselbe lieben, wie für Dich selbst?“ steht im III. Buch Moses״ und gleich in demselben Kapitel 19, in dem der Satz steht, wird auch die Liebe zum Fremden geboten, der nicht Glaubens- und Stammesgenosse ist. Wie die hervorragenden Stimmführer des Judentums diesen Satz auffassen, das ist dabei von besonderer Wichtigkeit. Hillel, der noch vor Jeschu gelebt hat, bringt diesen Satz in negativer und positiver Fassung zum Ausdruck. In der negativen Fassung, indem er zu einem Heiden, der sich in kürzester Zeit bekehren will, den Satz spricht: ״Was Dir verhaßt ist, das tue auch Deinem Genossen nicht!“ In positiver Fassung, indem er den Satz aufstellt: ״Sei von den Schülern Aharons, liebe den Frieden und jage ihm nach, liebe die Geschöpfe und führe sie zur Lehre hin!“ Unter den ״Geschöpfen“ wird auch der verbissenste Antisemit nicht etwa nur die Angehörigen derselben Rasse, desselben Volkes und derselben Religion begreifen wollen. Auch bezüglich der Feindesliebe bringt das Christentum nichts Neues; denn die werktätige Feindesliebe spricht sich in anschaulichen, vielsagenden Beispielen schon in der Thora aus, wo uns geboten wird, den verirrten Ochsen des Feindes zurückzuführen zu seinem Besitzer, dem unter seiner Last unterliegenden Esel des Feindes wieder zum Aufstehen behilflich zu sein; in den übrigen Büchern der heiligen Schrift, wo es z. B. in den Sprüchen heißt: ״Hungert Dein Feind, so speise ihn mit Brot, dürstet er, so tränke ihn mit Wasser!“ oder ״Beim Falle Deines Feindes freue Dich nicht; strauchelt er,