Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Ethische Vergleiche 45 steht mit dem ׳רשע dem Frevler. Es heißt dort: ,,Man gibt ihm neben den Frevlern sein Grab und mit den Reichen ist er zusammen im Tode/‘ Es kann das Streben nach Reichtum zum Frevel führen; es braucht das aber nicht der Fall und die Folge zu sein. Des Besitzes des Reichtums rühme sich keiner; er rühme sich seiner nur dann, wenn er ihn in Erkenntnis der göttlichen Verfahrungsweise benützt, um Liebe und Gnade zu üben. Der Reichtum ist ein Glück nur dann, wenn er eine Gabe des Himmels ist und mit der Kraft der Thora auftritt nach den Worten der Weisen. Der ganze Lebensinhalt des Hieniedens wird im Judentum auf Gott und das von ihm geübte Verfahren bezogen und aus dieser Beziehung heraus wird das Irdische geadelt und geheiligt, zum Charakter des Himmels emporgehoben, ganz entsprechend der Grundanschauung des Judentums, daß das Hienieden in den Dienst des Jenseits gestellt werden muß, daß das Hienieden erst dadurch, daß es in den Dienst des Jenseits gestellt wird, seinen Wert erhält, der Ihm unbedingt zugesprochen wird. Eine ganz besonders wichtige Stellung in der Tugendlehre des Christentums nimmt die Barmherzigkeit ein. Sie wird, freilich nicht mit Recht, als eine völlig neue Tugend hingestellt, was im Hinblick auf die griechische Sittenlehre zutreffend sein mag, aber nicht zutreffend ist im Hinblick auf das Judentum. Die Griechen kennen diese Tugend im Grunde genommen nicht. Sie kennen die Tugend der Freigebigkeit, nicht die der Barmherzigkeit. Die Freigebigkeit hat den Spender im Auge, dessen Ruhm vergrößert werden soll; darum muß die Freigebigkeit gesehen werden, um bewundert werden zu können, um den Ruhm des Freigebigen zu verkünden. Die Barmherzigkeit schaut nicht auf den Spender, sondern auf den Bedachten. Ihm soll geholfen werden; die Barmherzigkeit ist frei von Ruhmsucht, darum vollzieht sie sich, dem Ideal entsprechend, im Geheimen, ungesehen vom Äuge der Welt. Am besten ist es, wenn auch der Empfänger nicht davon erfährt, wer ihm gespendet hat. In diesem letzteren Punkte deckt sich die jüdische An-