Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Ethische Vergleiche 43 kein Unrecht tun; wir dürfen aber auch kein Unrecht leiden. Wir dürfen vor allem kein Unrecht provozieren, auch nicht aus guten Beweggründen. Das Judentum formuliert diesen Gedanken dahin, daß wir vor einen Blinden, einen geistig oder moralisch Blinden, keinen Anstoß hinlegen dürfen. Wir müssen in unserem Recht das Recht überhaupt verteidigen. Darum gestattet nicht nur, nein, es gebietet das Judentum die Anrufung des Richters in allen Fällen, in denen uns Unrecht geschieht. Der Satz ״zurechtweisen, zurechtweisen solltst Du Deinen Nächsten; lade aber darob (nämlich durch die Unterlassung der Zurechtweisung) keine Sünde auf Dich“ ist ein Fundamentalsatz der jüdischen Lehre. Ein wie glücklicher, den ganzen Gegensatz grell beleuchtender Satz ist darum das im Sinne der Gerechtigkeit geltende Wort der Thora: ״Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit jage nach!“ Du dienst aber der Gerechtigkeit nicht, wenn Du Unrecht leidest, ohne Dich zu wehren. Und dabei ist noch Folgendes zu bedenken: Wenn die Gerechtigkeit die Voraussetzung für den Bestand des Friedens darstellt, so ist es ganz unmöglich, zum allgemeinen Frieden der Gesellschaft zu gelangen, wenn wir nicht die beiden Seiten der Gerechtigkeit erfüllen, weder Unrecht tun, noch Unrecht leiden, noch Unrecht zulassen. Aber im Grunde genommen wird eine solche Verhaltungsweise eben nur verständlich bei völlig ablehnender Beurteilung, bei einer vollständigen Geringschätzung aller der Güter, die den Inhalt des Lebens ausmachen. Sprechen wir in diesem Zusammenhänge von dem Reichtum. Reichtum dient dazu, sich ein sinnliches Wohlleben zu ermöglichen. Er dient dem schönen Genießen und der Bildung; er zielt auf eine weitere griechische Tugend ab, die acrxjQoavvr■ oder Gesundsinnigkeit, die uns anleiten soll, maßvoll und schön zu genießen und, wenn es nottut, auch zu entbehren. Der Christ flieht die irdischsinnliche Lust in jeder Gestalt. Ist sie auch an sich nicht