Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 41 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Ethische Vergleiche 41 langt. Wie hoch solche Weisheit im Judentum geschätzt wird, beweist uns der Umstand, daß die Bitte um sie die erste Stelle unter den täglichen Bittgebeten des ~ Schmone-Esreh einnimmt, daß wir angesichts eines wissenreichen Menschen, sei es eines Mannes der Thorawissenschaft, sei es eines Man״ nes der allgemeinen Wissenschaft eine besondere Brochoh sprechen. Neben die Tugenden des Intellektes treten die sogenannten ethischen Tugenden. Sie sind nach griechischer Anschauung von der Vernunft erzogene und disziplinierte Naturtriebe. Nach der Auffassung des alten Christentums sind sie wertlos und gefährlich; sie sind ebenfalls glänzende Laster. An erster Stelle unter den ethischen Tugenden steht die Tapferkeit; sie ist nach griechischer und römischer Anschau״ ung die Tugend schlechthin. Virtus und uQSTtj bedeuten Tapferkeit und Tugend zugleich. Auch der hebräische Sprachgebrauch versteht unter einem איש חיל ebenso einen tapferen, wie einen tugendhaften Mann. Tapferkeit beruht auf dem Triebe der Selbsterhaltung; sie sichert die Behauptung des eigenen Ichs und seine Durch״ Setzung durch Bekämpfung und Unschädlichmachung derer, die sich uns entgegenstellen. Der Christ hat das Gebot ״Wider״ stehet nicht dem Bösen“; er duldet das Böse. Er nimmt das Schwert nicht in die Hand. Das Schwert ist das Mittel, sei״ nen Anteil an dieser Welt zu erlangen. Des Christen Anteil und Erbe ist in der zukünftigen Welt; es kann durch das Schwert nicht gewonnen und nicht genommen werden. Die Tapferkeit des alten Christentums war im großen und ganzen mehr passiv, die Stärke des Ertragens. Die Kraft des Leidens macht den wahren Christen aus. Wie denkt der Jude in dieser Hinsicht? Jedenfalls gilt ihm Tapferkeit als eine Tugend, da ja schon nach dem Sprachgebrauch Tapferkeit und Tugend gleichbedeutend sind. Freilich soll sich der Starke nicht seiner Stärke, der Tapfere seiner Tapferkeit rühmen. Er kann sich derselben nur dann rühmen, wenn er seine Stärke einsetzt, um das Recht und