Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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40 Ethische Vergleiche naiv-naturalistisch. Die Vollendung des natürlichen Wesens des Menschen in der Kultur ist das absolute Ziel. Zu dieser Vollendung führen zunächst drei Kardinal-Tugenden: Weisheit, Tapferkeit, Selbstbeherrschung oder Gesundsinnigkeit. So wichtig nun nach griechischer Anschauung die Ausbildung und Betätigung der intellektuellen Anlagen erschien, so daß sie den Philosophen als die schlechthin wichtige Angelegenheit des menschlichen Lebens galt, das ursprüngliche Christentum steht der Vernunft und dem natürlichen Erkennen mit Geringschätzung und Mißtrauen gegenüber. Die Armen im Geiste werden in der Bergpredigt selig gepriesen, Arme und ungelehrte Leute sind es, die Jeschu als Jünger folgen; den Unmündigen wird offenbart, was den Weisen und Klugen verborgen bleibt. Ja, die natürliche Weisheit und Vernunft ist geradezu ein Hemmnis für das Reich Gottes. Denn mit der Ausbildung der Weisheit, mit der Freiheit und Kühnheit des Gedankens und der Kraft des Zweifelns, die die eigentliche Lebenskraft der wissenschaftlichen Forschung bilden, wächst der Geist der Kritik, geht die Äufgeblähtheit einher, die aus dem Hochmut stammt und den Uebermut erzeugt. Und so ist Weisheitstrieb und Weisheit nach christlicher Anschauung, wie sie auch der Kirchenvater Augustin formuliert, schließlich überhaupt keine Tugend, sondern ״ein glänzendes Laster“. Die Stellung des Judentums zur Weisheit haben wir eigentlich aus dem Satze des Propheten Jeremias bereits zu würdigen gelernt. Das Judentum lobt nur die Weisheit und gesteht nur der Weisheit das Recht zu, sich zu rühmen, die sich in den Dienst der Vermehrung der religiösen und sittlichen Erkenntnis stellt; die Weisheit ist eine Tugend, genau so wie Reichtum und Macht, wenn sie ״Gaben des Himmels sind und auftreten mit der Kraft der Thora“, d. h. wenn die Weisheit fruchtbar gemacht wird durch Gotterkenntnis und durch die Feststellung seiner heiligen Eigenschaften, die der Mensch nachahmen soll zu seinem Glück, so daß er die Tugenden der Liebe, der Gerechtigkeit und des Rechtssinns er-