Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2292929-2293065-2293066--10251-2303545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ethische Vergleiche 39 als die religiös-dogmatische Verschiedenheit die Verschiedenheit der Lebensauffassung und der ethischen Einstellung bedingt. Der Prophet Jeremia sagt einmal in einer allbekannten Stelle, die überaus bezeichnend ist für die jüdische Auffassung in den hier in Frage stehenden Dingen, ״es rühme sich nicht der Weise seiner Weisheit, und es rühme sich nicht der Starke seiner Stärke und es rühme sich auch nicht der Reiche seines Reichtums; sondern dessen rühme sich, wer sich rühmen will, daß er mich versteht und erkennt, daß ich es bin, der ich Liebe, Recht und Gerechtigkeit ausübe auf Erden; denn an diesen habe ich Wohgefallen, — das ist der Ausspruch des Ewigen.“ Schon die Ausführungen dieses Satzes zeigen uns, daß die Inhaltsmomente des irdischen Lebens, soweit sie durch Weisheit, Tapferkeit und Reichtum sich erschöpfen — Stärke und Tapferkeit sind hier wohl als gleichbedeutend zu erachten! — im Judentum keinen absoluten, selbständigen Wert besitzen, daß sie aber ebensowenig als indifferent angesehen und vernachlässigt werden dürfen; denn es ist ihnen auch hier, in dieser markanten Stelle, eine Relation auf Gott gegeben, eine Beziehung zugewiesen, die sie dann wertvoll macht, wenn sie zur Erzielung göttlicher Attribute führen, nämlich wenn sie die Begründung von Liebe und Barmherzigkeit, von Recht und Gerechtigkeit und vor allem die zutreffende Erkenntnis der göttlichen Eigenschaften, die wir in uns nachbilden sollen, in vollem Umfange garantieren. Dieser jüdischen Anschauung stehen als die beiden Extreme die griechische und die christliche Anschauung entgegen, zwischen denen eben die jüdische Anschauung die Mitte einhält. Wir wollen das an den einzelnen Tugenden nachprüfen. Der intellektuellen Einsicht wird bei den Griechen die größte Bedeutung beigelegt. Weisheit bedeutet das höchste Gut des Lebens, ist mit der Glückseligkeit gleichbedeutend. Sie leitet uns zu einem naturgemäßen Leben an und lehrt uns die Tugenden kennen, die zu einem naturgemäßen Leben führen. Die ganze Lebensanschauung der antiken Welt ist