Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2293065-2293066--10250-2303544- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
38 Ethische Vergleiche dem Tode auch in religiösem Sinne. Dem Christentum ist der Tod durchaus vertraut, er ist der Eingang in das wahre Leben. Es ist durchaus bemerkenswert, daß die neuen Kirchen des Christentums zugleich Grabstatten waren, daß die großen Dome es heute noch sind, daß im Altar selbst die Gebeine von Märtyrern bestattet wurden, daß die Kirchen zumeist von Friedhöfen umgeben sind. Daß nach jüdischer Anschauung der Tod und die Berührung mit dem Tode levitische Unreinheit bewirkt, daß wir auch heute, wo die levitischen Reinheitsgesetze außer Kraft gesetzt sind, uns nach der Berührung mit dem Tode in altlevitischem Sinn die Hände waschen, ist ja allgemein bekannt, weil es allgemeine Uebung ist. Diese Uebung aber ist für die Auffassung des Judentums in seinen grundlegenden Anschauungen in hohem Grade bezeichnend. Ganz abgesehen davon, daß wir in der Anschauung von der Verunreinigung im levitischen Sinne, die der Tod und die Berührung mit dem Tode bewirkt, einen Protest gegen das altägyptische Heidentum und seine Totenreligion zu erblicken haben, nach welcher nur heilig ist, was zu Osiris eingegangen ist, was die Schwelle des Todes überschritten, die Pforten des Todes durchschritten hat, ganz abgesehen davon zeigt uns diese Anschauung und Uebung, im Gegensätze zum Christentum, die Tatsache, daß das Judentum das Leben hier freudig bejaht und die Kultur des Diesseits anstrebt. Die Berührung mit dem Leben bringt keineswegs Unreinheit und Befleckung, vorausgesetzt, daß die Berührung mit dem Leben und seine Kultur nach dem Willen Gottes sich vollzieht. Wollen wir nach diesen allgemeinen Ausführungen uns nun den Einzelheiten der moralischen Betrachtung und einem Vergleich zwischen den drei moralischen Grundquellen der Menschheit zuwenden, so muß noch eines vor auf geschickt werden. Die religiösen Unterschiede, die dogmatischen Verschiedenheiten in der religiösen Struktur des Christentums und Judentums bleiben bei unseren Ausführungen außer Betracht oder sie werden nur insoweit eine Behandlung finden,