Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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36 Ethische Vergleiche Christentum eine gewaltige Kluft gähnt zwischen der Moral seiner Grundschriften und der Praxis seiner im Leben stehenden Bekenner. Die Vertreter des Monismus benützen diese Tatsache, um die Notwendigkeit einer rein wissenschaftlich fundierten, von der Religion losgelösten Ethik zu betonen und eine einheitliehe, auf wissenschaftlicher Grundlage fußende Moral zu fordern. Daß das Judentum einen solchen Zwiespalt in der Moral nicht kennt, hängt mit seiner Grundanschauung vom Leben überhaupt zusammen. Während das Volk der Griechen und seine Philosophen voll und ganz und mit einer restlosen Entschiedenheit hur das Leben des Diesseits anzupflanzen als ihre Äufgabe betrachten, wertet das Christentum das Leben des Diesseits durchaus nicht sehr hoch und im Sinne seines Stifters, der das Wort gesprochen, ,,mein Reich ist nicht von dieser Welt“, hat es sein Äuge nur auf das Jenseits gerichtet, auf das Himmelreich; es verwirft das Leben nach dem Fleische, als welches es das Hienieden betrachtet, durchaus. Das Judentum nun nimmt eine vermittelnde Stellung ein. Gewiß ist auch die Auffassung des Judentums die, daß des Menschen wahre Bestimmung nicht in der Erde und ihren Gütern gelegen sein kann, sondern daß die wahre Heimat des Menschen das Jenseits ist, wo das Leben des Geistes seine ungehinderte Entfaltung finden wird. Aber das Judentum betrachtet dennoch das Leben auf der Schaubühne dieser Erde nicht als etwas Gleichgültiges, als etwas zu Verwerfendes, sondern ihm ist der Aufenthalt des Menschen auf dieser Erde eine Vorbereitungsstätte für das Jenseits. In bestem Sinn ist das Leben in dieser Welt dem wahren Juden eine Durchgangsstation zum Leben der Zukunft, die einer würdigen Vorbereitung für die Ewigkeit gilt, ein vorübergehender Aufenthalt, während dessen er das Leben und seine Güter nach den Normen des Gottes- Wortes kultivieren soll, um dadurch seiner Seele einen göttliehen Habitus zu verschaffen, um durch die Berührung mit der Erde und ihren Gütern, mit dem hieniedigen Leben und