Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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16 Was schulden wir Juden dem Ändenken Lessings? schwert; nie beklagt, daß ihm nicht Gerechtigkeit widerführe, daß seine Verdienste nicht belohnt würden, und dergleichen Beschwerden^ die so Mancher mit weit geringerm Rechte von sich hören läßt. Die Worte Ich und Mein war ich gewohnt aus seinem Munde so selten als möglich zu vernehmen... — Äile Ärten von Laune war ich an ihm gewohnt; nur niemals Niedergeschlagenheit oder Mißmut. Er war allezeit der tröstende, nie der trostsuchende Freund. Und nun — ich kann die widrige Empfindung nicht beschreiben, die ich hatte, als mir folgende Zeilen einen ganz andern Mann zu erkennen gaben, einen gebeugten, abgehärmten, endlich unterliegenden Kämpfer; einen gleichsam müde gejagten, verschmachtenden Hirsch, der endlich hinsinkt und sein edles Geweih mutlos in den Staub legt. Lieber Freund! Än den Briefen .... von Ihnen.... kaue und n u t s c h e ich noch. Das saftigste Wort ist hier das edelste. Und wahrlieh, lieber Freund, ich brauche so ein Briefchen von Zeit zu Zeit sehr nöthig, wenn ich nicht ganz mißmuthig werden soll. Ich glaube nicht, daß Sie mich als einen Menschen kennen, der nach Lobe heißhungrig ist. Äber die Kälte, mit der die Welt gewissen Leuten zu bezeugen pflegt, daß sie ihr auch gar nichts recht machen, ist, wenn nicht tödtend, doch erstarrend. Daß Ihnen nicht Älles gefallen, was ich seit einiger Zeit geschrieben, das wundert mich gar nicht. Ihnen hätte gar nichts gefallen müssen; denn für Sie war nichts geschrieben. Höchstens hat Sie die Zurückerinnerung an unsre bessern Tage noch etwa bei der und jener Stelle täuschen können. Äuch ich war damals ein gesundes schlankes Bäumchen, und bin jetzt ein so fauler, knorriger Stamm! Äch, lieber Freund! diese Scene ist aus!...“ Den man mit geistigen Waffen nicht bezwingen konnte, den tötete man mit dem vernichtenden Gift gesellschaftlicher Verfemung, den Judenverteidiger strafte man mit der Strafe des Judenloses. Daher darf die Erinnerung an Lessing nicht in bloßen Dankeshgmnen bestehen; sie hat etwas Verpflichtendes. Sie fordert Selbstprüfung: ist unser eigner Glaubenskampf und Glaubenseifer echt oder falsch? Den Fanatismus des Andren empfindet jeder peinlich, als einen Angriff auf Urrechte der eignen Persönlichkeit. Ist der von uns selbst geübte ethisch anders zu bewerten? Sehn wir, talmudisch gesprochen, den