Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Was schulden wir Juden dem Andenken Lessings? 15 abend des Meisters, daß wir seine Worte nicht ohne Ruhrung und Ergriffenheit lesen können. ״Eben dieses herrliche Lobgedicht auf die Vorsehung, eben diese selige Bemühung, die Wege Gottes vor den Menschen zu rechtfertigen, wie teuer ist sie nicht unserm unsterblichen Freunde geworden! Ach! sie hat ihm seine letzten Tage verbittert, wo nicht} gar am Ende sein kostbares Leben abgekürzt. Bei der Herausgabe der Fragmente war er darauf gefaßt, den ganzen Schwarm von Schriftstellern über sich herfallen zu sehen; die mit und ohne Beruf die Fragmente würden widerlegen wollen, und er hielt sich für stark genug, seinen Gast wider alle ungezogenen Angriffe seiner Gegner zu verteidigen. So mancherlei auch die Wege waren, welche seine Widersacher einschlagen konnten, um ihn zu bekämpfen, so glaubte er doch, ihnen allen die Spitze bieten zu können. Äm Ende blieb es, so lebhaft er den Streit auch führte, bloß ein Schulgezänke, das von der einen und der andern Seite manche angenehme und unangenehme Stunden machen, aber so wie er dachte, auf die Glück- Seligkeit des Lebens keinen wesentlichen Einfluß haben sollte. Aber wie sehr veränderte sich die Szene nach der Erscheinung des Nathan! Nunmehr drang die Cabaie aus den Studierstuben und Buchläden in die Privathäuser seiner Freunde und Bekannten mit ein, flüsterte jedem ins Ohr, Lessing habe das Christentum beschimpft. Im Grunde gereicht sein Nathan der Christenheit zur wahren Ehre. Auf welcher hohen Stufe der Aufklärung und Bildung muß ein Volk stehen, in welchem sich ein Mann zu dieser Höhe der Gesinnungen hinaufschwingen, zu dieser feinen Kenntnis göttlicher und menschlicher Dinge ausbiiden konnte! Wenigstens, dünkt mich, wird die Nachweit so denken müssen; aber so dachten sie nicht, die Zeitgenossen Lessings. Jeden Vorwurf des Eigendünkels und der einseitigen Denkungsart, den er einigen seiner Glaubensbrüder durch seine dramatischen Personen machen ließ, hielt ein Jeder für persönliche Beleidigung, die ihm von Lessing widerfahren. Der allenthalben willkommene Freund und Bekannte fand nunmehr allenthalben trockene Gesichter, zurückhaltende, frostige Blicke, kalte Bewillkommnung und frohe Abschiede, sah sich von Freunden und Bekannten verlassen* und allen Nachstellungen seiner Verfolger bloßegestellt. Lessing, der immer der angenehmste Gesellschafter, der fröhlichste Tischgesell- Schalter gewesen, verlor nunmehr seine joviaiische Laune völlig, ward zu einer schläfrigen, gefül losen Maschine. Sie ist trostlos, diese traurige Erinnerung! Nun hatte sich Lessing, in so verschiedenen äußern Umständen und Lagen ich ihn kannte, nie über Undank seiner Zeitgenossen be-