Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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14 Was schulden wir Juden dem Ändenken Lessings? Als Lessing seine ״Juden“ schrieb, bezweifelte man, ob solch edle, uneigennützige Charaktere bei den Juden zu finden seien. Nathan hatte die Rechtfertigung seines Urbildes nicht erst nötig. Zu tief hatte sich längst der Name Moses Mendelssohn in die zeitgenössische Menschheit eingegraben. Aber gerade das erklärt die große Wirkung des Nathan, die Bestürzung aller Judenfeinde. Bis in die Gegenwart ist das ein unverdauliches Gericht für sie geblieben. Gegen Herders Lobpreisung der jüdischen Literatur hatte eigentlich niemand etwas einzuwenden; Klopstocks Bitte um Mitleid ließ man noch allenfalls gelten. Aber daß der leibhaftige Jude die Züge Nathans tragen solle, das hätte bedeutet: achtet den Juden als Juden! Das war zu viel, weil darin zu hohe Forderung liegt, weil in diesem Satze aller fremde Eigendünkel zusammenbricht. Eben deshalb gibt es kein Werk der Weltliteratur, für das wir solchen Dank schulden. Mendelssohn, ein Geschöpf Lessings, ist fast vergessen; er selbst bekennt an seines Lebens Ende: ״ich weiß, daß meine Philosophie nicht mehr die Philosophie der Zeiten ist. Die meinige hat noch allzusehr den Geruch jener Schule, in welcher ich mich gebildet habe“, er fühlte den Atem der Schriften ״des Alles zermalmenden Kant“. (Vorbericht zu Morgenstunden). Nathan jedoch lebt, und wird, wie wir heute urteilen dürfen, ewig leben. Dieser Dank gegen Lessings Manen kann niemals ganz abgetragen werden. Dies Geschenk hat er mit hohem Preis bezahlt — mit seinem Lebensglück. Alle Kreise, außer wenigen der höchsten Geistlichkeit, lehnten das Werk entrüstet ab. Gr ätz urteilt, es war wie wenn ein stiller Bann darüber verhängt worden wäre; und seinen Verfasser ließ man den Ingrimm über sein Vorgehen allzu deutlich empfinden. Tragisch erschütternd sind die letzten Tage dieses großen Mensehen in Wolffenbüttel. Nur einer wagte, ihn zu verteidigen: Mendelssohn. In den ״Morgenstunden“ und in einem öffentlichen Schreiben: ״An die Freunde Lessings“ malt er uns den bittern Lebens-