Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2293065-2293066--10219-2303513- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Was schulden wir Juden dem Andenken Lessings? 7 einzog, hat er die größte Revolution in den Köpfen bewirkt: Ecce Judäus! Ein besonders glücklicher Stern hat über Mendelssohns Schriftstellerlaufbahn gewaltet. Sein ״Phädon“ ward das gelesenste Buch seiner Zeit, sein Styl riß Kant zur Bewunderung hin, die Akademie der Wissenschaften mußte ihm vor dem genialen Königsberger Philosophen den Vortritt geben. Als Mendelssohn, ungekannt, in Kants Kolleg erschien, empfing den frechen jüdischen Eindringling Spott und Verachtung der Studentenschaft; als aber am Ende der Vorlesung Kant ihn erkennt, ihm in Herzlichkeit die Hand drückt und in die Arme schließt, da bildet in stiller Ehrfurcht die rohe Schar ein Spalier um die beiden Männer, die Hand in Hand den Saal verließen: ״Es ist der jüdische Philosoph aus Berlin! Moses Mendelssohn!“, so ging es von Mund zu Munde. (Dubnow: Neueste Gesch. Band 1, Seite 21.) Wie unbegreiflich Mendelssohns Persönlichkeit den Zeitgenossen war, dafür diene seine bekannte Kontroverse mit Lavater als Illustration. Dieser Geistliche, ein Forscher der Physiognomik, der in Mendelssohns Gestalt und Gesichtszügen das Abbild des Sokrates erkannt haben wollte, hielt es schlechterdings für unmöglich, ״der treue Moses“, der gottsuchende Weisheitslehrer sei kein Christ. Er wage nur nicht, seine wahre Gesinnung bekannt zu geben. Man müsse es ihm nur einmal aussprechen, wie himmelhoch über dem Judentum stehend man ihn schätze, daß alle Welt von ihm erwarte: ״er werde tun, was Klugheit, Wahrheitsliebe und Redlichkeit tun heißen, — was ein Sokrates getan hätte, wenn er eine Schrift (über das Christentum) gelesen und unwiderleglich gefunden hätte“... Die plumpe ״raubritterliche“ Zudringlichkeit dieser Zumutung kam dem selbstgewissen Geistlichen nicht zum Bewußtsein, denn geistig-sittliche Größe und Judesein zusammen zu denken, war ihm eine unverzeihbare Vorstellung. Und so mußte Lavater es sich gefallen lassen, daß sein ״beschnittener Freund, dem es nach den Gesetzen seiner Vaterstadt nicht einmal möglich war, ihn zu besuchen“, die ganze