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Jeschurun · 1929-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1929) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1929)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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6 Was schulden wir Juden dem Ändenken Lessings? Nächsten Unrecht tun und ihn durch unbegründeten Verdacht beleidigen möchte, daß es zwar nicht unmöglich, aber doch sehr unwahrscheinlich sei, daß unter einem Volke wie dem jüdischen ein solch edles Gemüt sich gleichsam von selbst bilden könne.“ Lessing war der Welt noch den Wahrheitsbeweis schuldig geblieben, den unbestreitbar faktischen Existenzbeweis, an dem nicht zu drehen und zu deuten war. Vielleicht war wirklich jener Reisende nur eine Phatasiegeburt eines jungen Utopisten, ein Bühnenheiliger, der jenseits der Bretter des Theaters nicht existierte. Diesen Beweis hat Lessing erbracht. Einige Jahre später, als er in der Reichshauptstadt weilte, führte ihn ein Zufall beim Schauspiel mit einem jungen Juden zusammen, einem unförmig häßlichen Menschen, mit untersetzter Gestalt, aber mit klugen Äugen und hoher Stirn. Lessing— freimütig, freundlich, kommt mit ihm ins Gespräch. Der Jude sprach gutes Deutsch. Das Gespräch steigt. Philosophische Themen werden berührt. Ein Buch von Shaftesburg, einem englischen Philosophen wird diskutiert. Der Jude meinte: ״So etwas könnte ich wohl auch machen.“ ״Nun“, sagte Lessing, ״so machen Sie doch so etwas!“ Und als er einige Tage später mit dem Juden zusammentrifft, übergibt ihm dieser ein Manuskript. Lessing nimmt es an sich und kurz darauf, ohne daß der Verfasser es ahnt, ist die Schrift gedruckt und ein jüdischer Philosoph in die Republik der Geister eingeführt: Moses Mendelssohn. In Mendelssohn, dem Schreiber eines Seidenwarenhändlers, hat Lessing für die Welt einen Juden entdeckt, aus ihm einen Schriftsteller von Weltruf gemacht, dem die Besten seiner Zeit ein Gutteil ihrer philosophischen Bildung verdanken, an dem niemand Vorbeigehen konnte, selbst der große Preußenkönig nicht, einen Menschen von wunderbar reiner Persönlichkeit, Lessing ganz geistesverwandt, eine harte Nuß für alle die, denen es als ein absolutes Dogma galt: ein Jude ist als Jude minderwertig. Damit, daß Lessing Mendelssohn erweckte, fast wider dessen Willen in die Literatur hin-

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