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Jeschurun · 1929-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1929) · p. Seite 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1929)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 5 (sequence 7)
Language
German
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Was schulden wir Juden dem Andenken Lessings? 5 Menschheitsganzen aufgezeigt. Klopstock war uns ein Fürspreeher und Annehmer, Herder ein sachkundiger Beurteiler, Lessing ein Freund und Bruder. Der erstere kam uns als Philanthrop, der zweite als Forscher, Lessing als Mensch dem Meni sehen entgegen. Diese Anerkennung unsrer moralischen Würde wiegt aus Lessings Munde um so schwerer, als er nie einen Zweifel | darüber ließ, daß er dem Christentum im Sgstem der Religionen den höheren Rang einräumte, Der junge zwanzigjährige Student in Leipzig, der lachend in kleinen Lustspielen die Schwächen der Welt bloßlegt, schreibt ein Stück: ,,Die Juden“ und schildert im Bilde eines unbekannten Reisenden einen edlen Juden, der alle durch die sittliche Größe seines Tuns und Lassens beschämt. Einem Baron, dem Herrn der allervornehmsten bürgerlichen Gesellschaft wird die peinlich-köstliche Surprise bereitet, sich in der Schuld eines Juden, wahrhaftig eines ״kein Schweinefleisch essenden“ Juden zu sehen, dem er für seine unendliche Wohltat nur mit der Hand seiner Tochter danken könnte und dem jetzt ,das Schicksal es unmöglich macht, dankbar zu sein.“ Als ob Lessing seinen Zeitgenossen sagen wollte: die Juden haßt Ihr nur, weil Ihr sie nicht kennt. Lernet sie nur kennen und Ihr werdet anders urteilen! Das war ein unerhörtes Wort! Man schüttelte den Kopf, man wollte es nicht glauben.1) ״Der unbekannte Reisende in Lessings ,Juden4, so urteilte der berühmte I. Ä. Michaelis,2 *) ״ist in allen Stücken so vollkommen gut, so edelmütig, so besorgt, ob er auch seinem x) Vergl. Lessings: Ueber das Lustspiel ״Die Juden“ )Theatr. Bibliothek I St. 1754) ״Ist denn ein Jude, wie ich ihn angenommen habe, vor sich selbst unwahrscheinlich? Und warum ist er es?... Freilich muß man, dieses zu glauben, die Juden näher kennen, als aus dem liederlichen Gesindel, welches auf den Jahrmärkten herumschweift“. 2) In den Göttinger Gelehrten Anzeigen. Vergl. dazu den interessanten Brief eines Anonymus in obiger Abhandlung Lessings.

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