Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 691 (sequence 115)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2293057-2293064--10207-2303501- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Anders als die Änderen. 691 Von Assimilation kann keine Rede sein. Dagegen ist eine andere, ernste Einwendung im Interesse des Thoraberufes Israels — sie wird bezeichnenderweise nicht erhoben — denkbar: ‘daß ja an Stelle des Heidentums ein neuer innerer Feind gekommen sei, der in vielen Beziehungen gefährlicher sei als der alte — der offene und verschleierte Atheismus und sonst allerlei Auflehnung gegen das religiöse Urgut — und daher gegen diesen neuen Feind die ganze Äbwehrenergie des gläubigen Volkes nötig sei, wie früher gegen den alten, die Vielgötterei. Allein, es ist zunächst zu bezweifeln, ob zur Behauptung eines seit Jahrtausenden fertigen Religions- und Kultursystems — und mag dessen Lage noch so kritisch geworden sein — noch ebenso fast alle Volkskraft nötig ist wie zur Lösung der Aufgabe, aus der eigenen Seele ein dort erbeingesessenes Weltbild zu verdrängen, um ein neues dafür aufzunehmen. Und außerdem ist das Reich des Schönen und insbesondere die Kunst heute ganz anders in der Lage, die auf sie verwandten Energien dem Judentum für dessen Kampf gegen den Atheismus und allerlei Bekehrungspropaganda zurückzuzahlen, als ehemals für den Kampf gegen das Heidentum. Denn während seinerzeit das Heidentum hauptsächlich unmittelbar als ursprüngliches Sinnentum die noch ursprüngliehen Hebräer an- und zu sich zurückzog, ist es heute in hervorragendem Niaße die Kunst, die fremde, nicht auf Gott und sein Gott bezogene Kunst, die den Juden — der längst nicht mehr heidnischer aber auch nicht unheidnischer Naivling ist — an- und zu fremden Weltbildern hinzieht, also die Assimilation besorgt. Und wie könnte dieser Assimilation besser und erfolgreicher begegnet werden, als durch ein eigenes jüdisches Reich der Schönheit, das in der Muttererde des Gesetzesjudentums wurzelnd, an Bodenständigkeit und damit an Lebensmöglichkeit keinem andern Schönheitsreiche nachstünde? Angesichts der Energien, die es wiedererstatten würde, ist jede Besorgnis wegen der Energien, die es kosten würde, unangebracht. Ja, im Gegenteil, wie die Dinge heute liegen, ist es eine Lebensfrage des Judentums geworden, daß eine